Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrages mit Russland

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von Magistratus, 16. Februar 2010.

  1. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied


    .. nachdem Marschall , Holstein und Berchem Caprivi auf "Kurs" gebracht hatten. Im AA saßen die eigentlichen Gegner des Rückversicherungsvertrages.


    Die Fragestellung ist vollkommen berechtigt. Ich denke, das zumindest zu jenem Zeitpunkt, wo die Entscheidung über die Verlängerung anstand, also 1890, wohl schon. Wie lange man aber die Widersprüchlichkeiten "unter Decke hätte halten können" muss zwnagsläufig offenbleiben.
     
  2. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Interesssant wäre zu wissen, mir ist jedenfalls keine Quelle geläufig, ob die Nichtverlängerung auch durch britische Einflussnahme zustande kam?

    Denn es war ja klar, dass das Deutsche Reich nach der Nichtverlängerung in seinen außenpoltischen Handlungsspielrum beschnitten war und genaugenommen lediglich auf dem Dreibund, der zu jene Zeit auch nicht mehr soo stabil war, und auf das Bündnis mit Österreich-Ungarn zurückgreifen konnte. Des Weiteren würden Frankreich und das Zarenreich durch die sich abzeichnede Annäherung schon dafür Sorge tragen, dass das Reich in Europa eine Vormachtstellung bekleiden würde. Im Gegenzug hätte das Zarenreich aber keine deutsche Rückdendeckung mehr und somit wäre in der Summe die britische Positon, Stichwort Indien bzw. Orient, wohl doch um so einiges entlastet. Das Deutsche Reich hingegen hätte im Gegenzug nicht etwas annäherend Vergleichbares erhalten.

    Am Dreibund sägte Frankreich mittels einer Wirtschafts-, Finanz- und Handelsolitik erfolgreich. Nikolaus meinte 1891 zu seinem neuen Botschafter in Rom, das Italien bereits begonnen habe, sich aus dem Bündnis abzusetzten.
     
  3. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Im ersten Blick, halte ich so eine Verschwörung für, na sagen wir mal, ausgeschlossen.

    Was waren den die Gründe für Deutschland, den Rückversicherungvertrag 1890 nicht zu verlängern?
    Bisher war es die deutsche Furcht, den Dreibund mit Österreich-Ungarn und Italien mit der Verlängerung zu untergraben. War man sich damals so sicher, daß der Dreibund der Mittelmächte die wichtige Achse schlechthin war?

    Wie saß die außenpolitische Situation nach heutiger Sicht denn eigendlich damal aus, war es wirklich so, daß Russland im Dreibund störend hätte wirken können?
    Und nach Turgots annahme, konnte England 1890 einen Einfluß auf diese mitteleuropäische Problematik nehmen?
     
  4. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Untergraben ist nicht unbedingt der richtige Ausdruck dafür. Es wurden, zumindest für den Beginn des Jahres 1890, berechtigte Hinweise ins Feld geführt, dass das Abkommen mit dem Zarenreich den Intentionen des Zweibundes bzw. Dreibundes entgegenstünde. Dieser Hinweis verlor aber im Verlaufe des Jahres 1890 seine Berechtigung, da Russland sich bereit erklärte hatte, auf das Geheime Zusatzprotokoll zu verzichten.

    Was meinst du mit Verschwörung? Wenn Großbritannien gegenüber den Vertretern des Deutschen Reiches im oben genannten Sinnen insistiert hatte?, dann war das für die damialige Außenpolitik überhaupt nichts ungewöhnliches.

    Der Dreibund unterlag schon einer gewissen Erosion. Frankreich hat es im Verlauf der kommenden Jahre mehr oder weniger doch geschafft, Italien aus dem Dreibund fast heruaszubrechen. Das Instrument war die Wirtschafts- und Handelspolitik. Wenn ich mich recht entsinne, gab es zwischen Frankreich und Italien, es wurde Jahre vor dem Krieg abgeschlossen, ein Neutralitätsabkommen.
     
  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Was bringt Dich auf diese - interessante - Idee?

    Die britischen Einschätzungen zu der alten Konstellation - wäre sie bekannt - würden dem doch prima vista entgegen stehen. Das besonders unter der Perspektive, dass Rußland danach stärkere Annäherung an Frankreich suchen müßte und tatsächlich bei aller politischen Trennung auch gesucht hat.

    Zu diesem Zeitpunkt um 1890 hatte man tatsächlich bereits den Two-Power-Standard, originär und eigentlich auf die Mittelmeer-Konstellation Frankreich/Italien abgestimmt, auf die Kombination Rußland/Frankreich umgestellt. Die britischen Sicherheitsanalysen für das Mittelmeer waren dabei tief-düster. Man sah seit einigen Jahren und für die Zukunft keine Möglichkeit mehr, Rußland empfindlich anzupacken (ua. wegen der Befestigungen im Schwarzen Meer, nach als letztes Batum als befestigt galt), und betrachtete es als "unangreifbar".

    Das hatte gewaltige Rückwirkungen auf das britische Sicherheitsgefühl für das Herzstück des Empires, Indien. Und die dumpfen Einschätzungen wurden durch den russischen Eisenbahnbau und die gegen Indien und Persien vorverlegten Aufmarschräume durch die Eisenbahn noch geschürt.

    Neillson: Britain and the last Tzar.
     
  6. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Der Two-Power-Standard aufgebaut auf die Gegnerschaft mit den Flotten Frankreichs und Italiens?

    Italien? Gibt es dafür etwas handfestes, silesia?
     
  7. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied



    Das deutsche Agieren erscheint mir dermaßen amateurhaft, das ich auf diesem Gedanken verfiel, der m.E. nach dann das Ganze wieder in einem anderen Lichte erscheinen lässt.


    Nach Bismarcks Abgang war das AA doch entschlossen über die kolonialpolitische Schiene eine Annäherung, am besten ein Bündnis, mit Großbritannien zu bewerkstelligen.


    Allerderdings war die Herren des AA auch gleichzeitig der ernsthaften Auffassung, die schriftliche Bindung in Form des Rückversicherungsvertrages an eine der beiden Weltmächte schon vorher, ohne dass man vorher Entscheidung dieser Frage, mit Großbritannien etwas Gleichwertiges vereinbart hatte. Darüber kann man nur den Kopf schütteln. Aber es wurde ja noch toller. Berchem meinte ja sogar, dies London mitteilen zu müssen. Unfassbar!


    Die Vereinbarungen des Helogland-Sansibarabkommens waren für Großbritannien sehr vorteilhaft und zwar so, dass man in Frankreich und Russland spekulierte, das England dem Deutschen Reich im Gegenzug für einen Angriff Frankreichs bzw. Russlands entsprechende Zusagen gemacht habe.


    Als nun im Verlaufe des Jahres die Russen bereit waren, auf das Geheime Zusatzprotkoll zu verzichten, Schweinitz hat jetzt die Annahme der russischen Offerte empfohlen gehabt, aber Caprivi und Co. meinten erneut ablehnen zu können/müssen. Das ist nur schwer nachvollziehbar bzw. erklärbar. Man hatte zu jenem Zeitpunkt immer noch nichts in der Tasche.

    Und die Einflussnahme auf das Deutsche Reich seitens Großbritannien wäre doch sehr logisch gewesen, denn Großbritannien hatte mit Frankreich und dem Zarenreich nicht gerade eine spannungsfreie Beziehung. Und Großbritannien hätte bzw. hatte von der Nichtverlängerung doch entsprechende Vorteile. Die Russen haben immer mehr Truppen in nicht zu verachtenden Umfang an ihre Westgrenze gelegt, das Eisenbahnnetz wurde entsprechend ausgebaut. Das waren Truppen, die nicht an der indischen oder afghanischen Grenze massiert worden.
     
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  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Dass es stets britisches Ziel war, das Dreikaiserbündnis zu sprengen, ist schon wegen der Rivalität zu Russland und der Meerengenfrage Dardanellen unmittelbar einsichtig. Mit der Neigung zu Deutschland, mit dem man gerade einige Rempeleiein in Afrika an strategisch sensiblen Punkten hinter sich hatte, müßte man das nicht in Beziehung bringen.

    Wenn es nun die Strategie gab, 1890 die russ.-dt. Beziehungen zu stören, müßte das im Deutschen Reich durch irgendwelche britischen Avancen in dieser Richtung aufgeschlagen sein.

    Bei der Rückversicherungsfrage kochte man doch aber in der eigenen (deutschen) Suppe, ohne Zutun von außen? Oder geht aus den diplomatischen Akten irgend etwas anders hervor? Wäre mir dann bisher nicht bekannt.

    Das ist meine Einschätzung, gewissermaßen aus der Summe der Literatur.

    Ich weiß, es gibt die Standardantwort Rußland/Frankreich, der auch zB Sumida folgt.
    Sumida, Jon Tetsuro: In Defence of Naval Supremacy / Finance, Technology, and British Naval Policy 1889 1914

    Das Werk krankt etwas an der politischen Analyse. Andere Autoren heben weniger Kanalfragen oder Fernost als vielmehr Afrika/Indien hervor, und damit die zentrale Bedeutung des Mittelmeeres und der dortigen Kräfteverhältnisse (mit für die russische Flotte noch gesperrtem Zugang durch das Osmanische reich).
     
  9. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Das hast du ganz einwandfrei recht. Ich schrieb ja auch weiter oben, das mir keine entsprechende Quelle geläufig ist. Nur: Das hätte Sinn aus britischer Sicht Sinn gemacht und würde das heute kaum glaubbare deutsche diplomatische Handeln verständlicher machen.

    So bleibt mir an dieser Stelle dann nur noch das leicht abgewandelte Bibelzitat: "Ohr Herr vergib Ihnen, denn sie wußten nicht was sie taten.":D
     
  10. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Vielleicht bekam man die Umtriebe und den Ablaufzeitpunkt, später das Auslaufen des Rückversicherungsvertrages auf britischer Seite gar nicht mit, um diplomatische Intrigen starten zu können?
     
  11. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Hmmh, auf Anhieb fallen mir zwei Vorgänge ein:

    1889 wurde doch der Two Power Standard beschlossen, was ein erhebliche Anzahl an Schiffsneubauten erforderlich machte.

    Rhodes hat von der Regierung die Genehmigng erhalten in Südafrika die Britische Südafrika Gesellschaft zu gründen. Rhodes gründet dann aber später eben Rhodesien und wird dort auch Premieminister. Es begann sich der Konflikt um Transvaal abzuzeichnen.

    Hat das denn möglicherweiser so viel Aufmerksamkeit absorbiert, das man den bedeutenden Vorgängen auf dem alten Kontinent nicht genügend Aufmerksamkeit schenkte?
     
    Zuletzt bearbeitet: 11. Februar 2011
  12. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Parallel liefen noch unter Bismarck Bündnissondierungen und Gespräche über die Bereinigungen der beiderseitigen Kolonialinteressen in Afrika. Ein "Ausspielen" dieser Karte durch GB auch nach Nichtverlängerung 1890 ist nicht ersichtlich (was man doch erwarten dürfte), auch wenn ex post in der britischen Literatur von einem Druck auf die Wilhelmstraße zu einem Agreement mit GB ausgegangen wird (Sanderson: England, Europe and the Upper Nile, S. 59).

    England sah sich 1889 in komfortabler Lage, was das Mittelmeer anging: durch die beiden Abkommen mit Österreich und Italien, denen später Spanien beitrat, war Rußland zunächst der Zugang via dardanellen ohne Kriegsgefahr und einigermaßen sicher versperrt.
    http://books.google.com/books?id=Z5...nepage&q=mediterranean agreement 1887&f=false
    Außerdem erhielt man in London mehrfach Post von Bismarcks Bündnissondierungen, deren größtes Problem für Salisbury wohl die isolationistischen Widerstände in der eigenen Regierung waren. Nach britischen Analysen bedurfte man aber mittelfristig der deutschen Hilfe, um Rußland zu binden, da es global für GB mittlerweile zu viele kritische Baustellen gab.

    In dieser Phase ging man an die afrikanischen Absprachen (dann mündend in das Helgoland-Sansibar-Abkommen), für das die britische Regierung recht viel erhielt bzw. verhinderte:
    - Deutschland bekam keinen vernünftigen Hafen an der westafrikanischen Küste
    - Sansibar blockierte zukünftig die ostafrikanische Küste für deutsche Marineambitionen
    - der Upper Nile (nach britischer Lesart: Zugang nach Ägypten/Suez, ebenso wichtig wie das Mittelmeer) erschien nunmehr gegen das Deutsche Reich gesichert, und man hatte (nur) noch mit dem französischen Vordringen in der Region zu tun.

    Trotzdem wurde man für das Abkommen in London arg gescholten, und der Vertrag wurde natürlich mit dem forcierten Marine-Wettrüsten in der Nordsee, später erneut als Kritik an Salisbury unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges ausgegraben (Bedeutung Helgolands).

    1889/90 deutete aber alles auf eine Annäherung GB/DR hin, mit Klärung einiger der unangenehmen Gebietsfragen in Afrika.

    Wenn man wild spekulieren will: vielleicht hätte Bismarck seinem speziellen Brieffreund und "Bewunderer" Salisbury sogar die Nichtverlängerung auf dem Silbertablett präsentiert, [*] um dessen offiziellen Widerstand (intern einigte man sich ja über manche Fragen) zu brechen:
    Splendid isolation ? Wikipedia

    Die russische Aufgeregtheit nach dem Helgoland-Sansibar-Vertrag hätte er bestimmt antizipiert. Der hierdurch ausgelöste weitere Schub in der frz.-russ. Annäherung (es gab wohl einige aufgeregte Nachfragen in Berlin) wäre ein entsprechender Kuhhandel mit London glatt wert gewesen: wenn schon ein Bruch, dann gleich in die Vollen und die Pferde richtig wechseln. Auch dafür gab es aber in Berlin Bedenkenträger, wenn man sich die ähnliche Situation 1899/1902 an der Frage deutlich macht: was nutzen britische Schlachtschiffe gegen russische Armeekorps in Ostpreußen? :devil:


    _____
    EDIT und [*]
    Um die Spekulation etwas zu erläutern: der Schwenk Bismarcks vom Kissinger Diktat (britisch-russischer Gegensatz als Konstante der Weltpolitik) zum http://en.wikipedia.org/wiki/Panjdeh_Incident ist schon bemerkenswert: einigten sich diese beiden Mächte - und das vor dem Hintergrund der Pendjehkrise -, so könnten sie sich "jederzeit nach Bedürfnis durch Frankreich ... verstärken, wenn die russisch-englische Politik durch Deutschland Widerstand fände; es wäre die Basis für eine Koalition gegen uns gegeben, wie sie gefährlicher Deutschland nicht gegenübertreten kann."

    Bemerkenswert ist dabei nicht die von Bismarck falsch prognostizierte Reihenfolge, sondern das Szenario, welches Bismarck hier aufgrund potenzieller deutscher Aktivitäten entwickelt, die evt. gegen die beiden bereits geeinten Mächte gerichtet sein würden. [Elzer, Bismarcks Bündnispolitik von 1887 - Erfolg und Grenzen einer europäischen Friedensordnung, 1991]
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Februar 2011
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  13. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Asche auf mein Haupt.:aua: Wie konnte ich das nur übersehen.

    Klar, Bismarck hat Salisbury in November 1887 angeboten, dass das Deutsche Reich Großbritannien gegen eine französische Agression schützen könne und im Falle eine Auseinandersetzung mit Russland die Neutralität angeboten. Das war schon eine ganze Menge, vor allem wenn ich mir das Verhalten und Agieren der Schüler im AA, Schüler gemäß den liberalen Reichstagsabgeordneten Roggenbach, so betrachte. Die deutsche auswärtige Politik hat ebendeutlich an Niveau und Format seit 1890 verloren. Damit hat Bismarck seine außenpolitische Linie, durch ein Unterstützen anderer auswärtiger französische Ziele mit dem Verlust Elsass-Lothringen zu versöhnen, aufgegeben. Großbritannien hätte durch die deutsche Deckung ein Mehr an Handlungsfreiheit gegenüber Rusßland, beispielsweise auf dem Balkan (Bulgarien) oder Fernost, gewonnen.
    Des Weiteren kümmerte sich Bismarck darum, das sich die Beziehungen zwischen England und Italien verbesserten (Stichwort Mittelmeerentente), denn es war ja wohl klar das die paar Pötte der Italiener und der k.u.k. Monarchie gegen die Franzmänner keine Chance hätten. Diese Bemühungen waren auch ab Spätsommer 1887 im Gang.
     
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  14. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Was hältst Du eigentlich von der älteren These, dass die Nichtverlängerung des RV ein Instrument Holsteins gewesen sei, Bismarck von einer Rückkehr als Kanzler sicher auszuschließen?
     
  15. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Klar ist, das Holstein ein vehementer Gegner einer Verlängerung des Rückversicherungsvertrages gewesen war. Holstein traute dem Zarenreich nicht um die Ecke. Holstein wollte eine andere auswärtige Politik und er hat im diesem Sinne im AA „echte Wühlarbeit“ geleistet. In diesem Sinne hat er gegen Bismarck gearbeitet, von dem er sich innerlich immer mehr entfernt hat. Bismarck hatte aber fataler Weise von Holstein keine Bedrohung gesehen, da er ihm nicht als Konkurrenten einschätzte.

    Holstein hat sicher auch Eulenburg und Waldersee als Sprachrohre genutzt, um seine Vorstellungen von der „richtigen Politik, insbesondere natürlich der auswärtigen Politik“ zu übermitteln und hat sicher auf diese Art und Weise mittelbar den Boden für Bismarcks Sturz mitbereitet.

    In diesem Zusammenhang, nämlich den heraufziehenden Konflikt zwischen Kaiser und Kanzler, Die Arbeiterschutz-Konferenz, die Kabinettsorder von 1852, die Meldungen des Konsuls in Kiew über russische Truppenzusammenziehungen, später den Verlust der Mehrheit der Kartellparteien im Reichstag etc., hat dann Waldersee über Holstein dann notiert, „Einer der ersten Fahnenflüchtigen war Holstein.“
     
    Zuletzt bearbeitet: 15. Februar 2011
  16. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    1886 kam Bismarck seiner Vorstellung der "Aufstellung" der Mächte recht nahe.

    1886 war der Grundstein für die neue Schwarzmeerflotte des Zarenreichs gelegt worden, denn im Mai waren ein Panzerschiff und mehrere Kanonenboote vom Stapel gelaufen. Weitere sollten folgen. In Konstantinopel setzten die Panzerschiffe des Sultans schon Rost an; sie waren in keinen besonders guten Zustand. Damit bestand die akute Gefahr eines russischen Handstreichs auf die Meerengen und möglicherweise Konstantinopel.

    Bismarck hat ja kurze Zeit zuvor den orientalischen Dreibund zwischen Italien, Österreich-Ungarn und Großbritannien geschmiedet und damit Großbritannien wieder näher an den Dreibund aber vor allem an das Osmansiche Reich zu rücken. Die Briten waren wieder bereit Flagge zu zeigen.

    Es verdichteten sich 1889 auch entsprechende Gerüchte, das die Russen zur Tat schreiten würden., da gemäßt Goltz dann die russische Schwarzmeerflotte wohl fertigestellt sein würde. Während die deutschen Militärberater im Osmanischen Reich ziemlich nervös wurden, sah Bismarck dies sehr gelassen, ja er hat die deutschen Militärs anweisen lassen, das sie sich mit Ihrem Drängen zu Gegenmaßnahmen gegenüber dem Sultan zurückzhalten haben. Es ging darum, den Russen den Zugriff nicht zu erschweren und den Briten nicht den Eindruck zu vermitteln, das Deutsche Reich würde sich für den Schutz der Meerengen engagieren, denn dann könnten ja die Engländer stillsitzen. Ende 1889 wurde Bismarck die Information zugetragen, das die Briten ernsthaft in Erwägung ziehen, ene Flotte nach Konstantinopel zu verlegen. Auf jeden Fall würde der neue Admiral des Mittelmeergeschwader nach Konstantinopel kommen, um vor Ort von dem brtischen Botschafter informieren zu lassen.

    Das war alles im Bismarcks Sinn, denn Großbritannien war augenscheinlich bereit, sich dem russischen Expansionsdrang entgegen zu stellen und würde somit ganz nebenbei Österreich-Ungarn schützen und das Deutsche Reich muss sich nicht über den Zweibund in einem Kriege hineinziehen lassen.

    Das alles hat sich mit Wilhelm II. geändert. Als im Sommer 1889 seine Schwester Sophie den grieichischen Kronprinzen heiraten sollte, war Wilhelm auch entschlossen ein Abstecher nach Konstantinopel zu machen. Der Empfang in Konstantinopel war überaus prunkvoll und aufwendig und die Chemie zwischen dem Sultan und Wilhelm stimmte. Wilhelm besuchte demonstrativ das osmanische Militär, verteilte Orden am Fließband, besuchte und ermutigte die deutschen Militärberater, Waldersees Einfluß ist deutlich zu erkennen. In der Folge engagierte sich der Sultan, angepornt durch Wilhelm seine zahlreichen Komplimente, in Sachen militär wesentlich stärker als zuvor. Das wurde in St. Petersburg und London sorgfälitg registriert; auch die ostentative, brüskierende Behandlung der Botschafter bei einem Bankett durch Wilhelm.
    Die große Zurückhaltung in der deutschen auswärtigen Politik gegenüber dem Oanischen Reich war vorbei und Bismarcks kompliziertes Sicherheitssystem wurde hier schon begonnen zu Grabe zu tragen.

    Scherer, Adler ud Halbmond S.311ff
     
  17. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Da könnte man zuspitzen, dass Bismarck für eine feste Bindung mit dem Russischen Reich die orientalischen Interessen jederzeit wie eine heiße Kartoffel hätte fallen lassen, jedenfalls 1889/90.

    1885 würde ich das etwas anders gewichten. Der gesamte Druck an der Peripherie (Afrikanische Koloniefragen), die krisenhaften Zuspitzungen und schriftlich gebotenen Auswege, deutet darauf hin, dass ihm eine Abrede mit Großbritannien wichtig(er) erschien.

    Wie paßt das in die Konstante seiner Politik, dass der russisch-britische Gegensatz unüberbrückbar sei??
     
  18. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Ich fürchte, ich verstehe deine Frage nicht so recht.:winke: Wo und wann ging Bismarck dann möglicherweise von einem englisch-russischen Ausgleich oder einer Annäherung aus?

    Er hat diesen Gegensatz in seinen Überlegungen doch immer fest eingeplant und war "redlich" bemüht diesen für das Deutsche Reich auszunutzen. Das habe ich ja auch oben so beschrieben.


    Das Osmanische Reich war für Bismarck ja ohnehin nur Mittel zum Zwecke. Das konkrete Schicksal des Reiches war ihm vollkomme egal; Hauptsache sein Beziehungsgeflecht funktionierte in seinem Sinne. Allein schon der Rückversicherungsvertrag auf der einen Seite und die von ihm beförderte Abmachung zwischen Italien, Österreich-Ungarn und Großbritannien war schon ein heikle Sache. Bismarck wollte den Draht nach Ruslland nie abreißen lassen und war der Draht ach noch so dünne. Andererseits war es ihm ein Anliegen, die Engländer gegen die Russen in der Meerengenfrage in Stellung zu bringen. Das war aus seiner Sicht nur vorteilhaft, vor allem für Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Februar 2011
  19. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Genau das meinte ich: der Gegensatz ist unüberbrückbar.

    Welche Konstellation schwebte ihm dann vor, zur festen Bundung mit England zu kommen. Das müßte logischerweise stets Gegnerschaft von Rußland bedeuten; diese wiederum versuchte er mit allen Mitteln zu vermeiden.

    Wie passen demnach die Fühlungnahmen gegenüber England ins Konzept? Nur temporär sinnvoll?
     
  20. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Bismarck schwebet ganz konkret ein Bündnis Großbritanniens mit dem Osmanischen Reich vor. Sin und Zweck dieser Überlegung war, das die Engländer die Meerengen und Konstantinopel vor dem russischen Zugriff schützen sollten. Dann müsste Österreich-Ungarn nicht aktiv werden und das Deutsche Reich wird dann übe den Zweibund auch nicht in einen eventuellen Krieg mit hineingezogen. Hier sollten die Briten die Kastanien aus dem Feuer holen

    Bismarck hätte bei so einer Mächtekonstellation in Ruhe die Beziehungen zu St.Petersburg pflegen und dafür Sorge tragen können, das die Annäherung zu Frankreich nicht zu große Fortschritte machen würde.
     

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