Versailler Vertrag

Dieses Thema im Forum "Der Erste Weltkrieg" wurde erstellt von Gast, 1. Dezember 2004.

  1. hyokkose

    hyokkose Gast

    Sicher, sicher, man kann auch das alte Herzogtum Österreich nicht mit dem Kaiserreich gleichsetzen, aber auch das ist Österreich. Die Geschichte Österreichs beschränkt sich nicht nur auf 114 Jahre Kaiserreich.

    Und nun bitte zurück zum Thema "Pariser Friedensverträge"!
     
  2. AndreasKlammer

    AndreasKlammer Gesperrt

    Aber damit hat diese ganze Geschichte begonnen! Außerdem ist der Begriff Österreich, in seinem übernationalen Sinne, nicht auf 114 Jahre Kaisertum beschränkt. Schon viel früher etablierte sich Österreich als Gesamtbezeichnung für die Habsburgischen Territorien.
    Und um wieder die Kurve zu kriegen: Der eigentliche Verlierer bei den Friedensverträgen war Mitteleuropa. Es konnte nach Ende des Habsburgerreiches den deutschen und russischen Aggressionen nicht mehr wiederstehen. Es entstand ein Machtvakuum das kein Nachfolgestaat füllen konnte. Genaugenommen bestaeht das MMachtvakuum ja immer noch.
     
  3. ning

    ning Gesperrt

    (Sorry, falls derlei hier schon geschrieben wurde):

    Hallo Andreas, soweit ich mich erinnere, war in den Gesprächen und Vorpapieren (natürlich innerhalb der Signatarmächte, mit "Einsichtnahmerecht" der österr. Delegation) bereits das Schlagwort "Schweizer Muster" aufgetaucht. Was für den Staatsvertrag 1955 dann (auf amerikanische Initiative) öffentlich viel -und aus den ganz anderen Umständen heraus mit besserem Verständnis - diskutiert wurde, war bereits in St. Germain bereits als Idee der "Einfügung(smöglichkeit) Restösterreichs in die neue europäische Ordnung" aufgetaucht. Die Tendenz ging damals also schon dahin, Ö. in eine Form der Neutralität zu drängen.
    - Natürlich ohne sich um die eigentliche Befindlichkeit des, sich per Selbsdefinition als "Deutsch-Österreich", also als Anhängsel (kulturell aus "Tugend", wirtschaftlich aus Not) an das Deutsche Reich begreifende Land zu kümmern.
    Dieses "Österreich verschweizern" (ich glaube, auch dieses Zitat ist von damals) war natürlich eine Luftgeburt, betrachtet man 500 Jahre Schweizer und 500 Jahre österreichische Vorgeschichte und die entspr. vorhandenen Strukturen.

    Was man eigentlich sagen müsste, ist, dass die Siegermächte weniger eine überkommene (nun mal leider innerhalb ÖU selbst verursachte und gewünschte) "Übernationalität" zerstört hatten, sondern viel mehr gedankenlos einen zusammenhängenden (und zuletzt beispielhaft national-föderalen) Wirtschaftsraum nicht nur zersäbelt, sondern entzweit (kleine Entente, Anschlussverbot, etc.) und Österreich als Teilstumpf auch noch als resourcenlosen Verlierer unter den Splitterstaaten übrig gelassen hatten.

    Die Vororteverträge für die Nachfolgestaaten der Monarchie waren nicht nur nicht auf gedeihliche Zukunft und Koexistenz, sondern auf mittel- u. mittelosteuropäischen Zwist ausgerichtet bzw. schrieben sie die Egoismen, vor allem der völlig neuen Staatsgeburten, ohne weiterreichende Reflexion fest. Was man niemals zulassen hätte dürfen, ist zB., dass sich jahrhundertlange Teilvölker der Monarchie durch eine relativ kurze Zeit der nationalistischen Aufschaukelung mit zu den Siegern des Kriegs zählen durften. Du hast ganz recht damit, dass wir noch heute diese alte Wunde klaffen und auch ein schwelende Glut sehen müssen, weniger was Österreich betrifft (das anscheinend und glücklicherweise eine "Verschweizerungsform" gefunden hat, wenn auch über den Umweg der Mitschuld im 2. WK), als im Verhältnis vieler Folgestaaten untereinander, mit allerlei Revanchismuspotential - zB. mit dem Ungarns im Epizentrum.
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. Oktober 2006
  4. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Obgleich :eek:fftopic: , muss ich mal was dazu sagen:
    Wann denn? Ich kenne nur Bezeichnungen vom "Haus Österreich", von den Habsburgern sprach man tatsächlich eher selten, vergleichbar mit dem "Haus Brandenburg". Eine übernationale Bezeichnung als Österreich, das mehr als die Stammlande umfassen würde, finde ich nicht in der Form greifbar.
    Im Gegenteil, selbst zur Zeit Maria Theresias wurde ganz klar in Ungarn, Böhmen und Österreich, gerade von ausländischer Seite unterschieden.
    Mehr Dazu aber im Österreich/Schweiz-Unterforum! Es wäre mir ganz lieb, wenn AndreasKlammer dann dort selber einen Thread zu der Thematik eröffnen würde, da ich nicht die Ansatzpunkte seiner Theorie kenne, dass Österreich bereits übernational übertragen wurde, wie es dann im österreichischen Kaisertum der Fall war. Vielmehr sehe ich ja die Hofkanzleien bspw. zwar als Form der Bündelung, aber gerade, dass der Versuch einer Zusammenfassung in dem Umfange erst in der 2. Hälfte des 18.Jh. einsetzte, lässt mich an der Bemerkung von AndreasKlammer zweifeln.
     
  5. Saint-Just

    Saint-Just Neues Mitglied

    Österreich-Ungarn zu erhalten, hätte für die Alliierten nicht nur bedeutet, nicht seine Aufteilung unter die neuen Nationalstaaten zu regeln- es hätte sogar Gewalteinsatz zugunsten Ö-Us erfordert. Unter anderem sogar gegen den bisherigen Verbündeten Serbien/Jugoslawien!
    Bin mir jetzt nicht im Klaren, ob du Versailles vorwirfst, dass es ein "spartanischer Friede" war oder nicht.
    Bei Versailles ist in der Tat kritisierenswert, dass Art, Umfang und Dauer der Reparationen nicht von vornherein klar definiert wurden. Reparationen aus der Industrie hatten das Problem, dass sie die deutsche Industrie im Grunde angekurbelt hätten Finanzielle Reparationen konnten von Berlin durch Anwerfen der Notenpresse entwertet werden. Das hat Propagandisten vornehmlich der Rechten in die Hände gearbeitet. (Das Ende der Reparationen wurde schließlich von einer der letzten Weimarer Regierungen erreicht).
    Eine schiefe Perspektive finde ich es allerdings, die Reparationen nur an der deutschen Wirtschaftskraft zu messen, nicht an den Kriegsschäden in Frankreich und Belgien. Vor dem Problem, die (ökonomischen, demographischen) Kriegsfolgen zu verarbeiten, standen alle Kriegsteilnehmer.
    Der Briand-Kellog-Pakt und Locarno zeigen m.E., dass Frankreich ab 1925 auf kollektive Sicherheit setzte. (Wohl auch, weil Frankreich gar nicht willens war, noch einen Krieg zu führen.) Wer dann wieder ausscherte, war ab 1933 Deutschland.
    @Brest-Litowsk: Bei den Bolschewiki gab es sehr verschiedene Positionen zu diesem Frieden. Letztlich hat sich Lenin durchgesetzt und mit seiner Erwartung auf den Zusammenbruch der Mittelmächte (wenn auch nicht die Weltrevolution) Recht behalten. Hinzu kam, das es bis Herbst 1918 eigentlich keine sowjetische Armee gab. Berlin hat m.E. schlecht taktiert: um die neuen Gebiete auszubeuten, wurden beträchtliche Besatzungstruppen gebraucht, die also nicht frei waren für die Westfront vor dem Eintreffen der Amerikaner (Getreide musste in der Ukraine mit Waffengewalt eingezogen werden). Selbst im Interesse der Mittelmächte wäre ein mäßiger Friede besser gewesen.
    So wie Deutschland die Ausbeutung der Randstaaten nach Brest-Litowsk, so sahen die Westmächte in der Seeblockade ein wesentliches Instrument, den Krieg zu gewinnen. Die Blockade war jedenfalls 1919 zu Ende. Der Hunger auch?
    Wie auch, wenn die "Bewährung" der Freikorps ganz wesentlich in der Massakrierung von echten oder vermeintlichen "Roten" bestand. Sozusagen ein Austausch von Personen in der Elite, aber kein Austausch der Elite selbst.
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. Oktober 2006
  6. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Nur ganz kurz:

    Das siehst Du falsch. Die Siegermächte haben sich natrülich nicht auf Papiermark eingelassen. Die wollten und bekamen harte Goldmark vom Stand 1914.

    Die Entschuldung über die Inflation funktinoert nur im "Innenverhältniss" bei den eigenen Bürgern. Die auf die Art und Weise quasi enteignet werden.


    Grüße Repo
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. Oktober 2006
  7. Saint-Just

    Saint-Just Neues Mitglied

    Aha, man dankt für die Korrektur. Das spricht dann also noch weniger dafür, die inneren Probleme der Republik auf Versailles zurückzuführen.
     
  8. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Ich habe das in anderem Zusammenhang schon mehrfach geschrieben, nach dem Waffenstillstand war der Frieden gelinde.
    Und die Unterschrift unter dem Waffenstillstand musste nur geleistet werden, weil zuvor die Seekriegsleitung durch den mit der Regierung nicht abgestimmten Angrfiffsbefehl (glatte Meuterei, in England hätte man die Admirale an den Masten aufgehängt) Deutschland letztlich ins Chaos gestürzt hatte.

    Grüße Repo
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. Oktober 2006
  9. AndreasKlammer

    AndreasKlammer Gesperrt

    1918 hätte man es komplett besetzen können um dann in Ruhr zu entscheiden und um die Sache nicht in die Hand von einem Haufen Nationalisten zu legen. Nur gar nichts zu tun, wie nach dem Waffenstillstand geschehen, war deffinitiv falsch.
     
  10. Saint-Just

    Saint-Just Neues Mitglied

    Da sind wir uns einig.
    Das halte ich allerdings für verkürzt. Damit (mit dem Angriffbefehl der Marineführung) erklärt man zwar den Aufstand der Matrosen gegen ihre Admiralität, aber schon nicht mehr das Übergreifen auf die normale Bevölkerung in Kiel. (Dass die Revolution bei der Kriegsflotte ausbrauch ist nicht verblüffend: an kaum einer anderen Stelle prallen die Gegensätze einer Gesellschaft so dicht und unmittelbar aufeinander.) Erst recht erklärt es nicht die rasche Ausbreitung über die Städte Nord-, Mittel- und Süddeutschlands (eine Frage von wenigen Tagen!)- die dann schließlich Berlin erreichte. Wenn über ein so großes Gebiet eine Revolution sich spontan ausbreitet, muss es schon manifeste gemeinsame Interessen geben.
    Ich denke es ist klar, dass die Habsburger das Bindeglied zwischen den im einzelnen sehr unterschiedlichen Reichsteilen waren. Die Alliierten wären in Österreich sehr schnell in die Situation gekommen, den Kaiser in Österreich selbst (also den deutschsprachigen Teilen seines Reiches) mit Waffengewalt stützen zu müssen (etwa gegen Arbeiterunruhen), um seine gesamte Monarchie zu bewahren. Ebenso hätte man die Tschechen niederhalten, Serben und Polen an der Vereinigung mit ihren Nationalstaaten hindern müssen. Nach Stabilität klingt das nicht.
     
  11. AndreasKlammer

    AndreasKlammer Gesperrt

    Also der "Schutz" des Kaisers bestand aus einem Offizier. Klingt für mich ein Wenig dürftig sollte da mal ein Lynchmob kommen...Außerdem weiß jeder der Gordon Brook-Sheppards Bücher kennt dass die Reaktionen sehr unterschiedlich waren. Außerdem ist der Nationalstaat (obwohl man dass dauernd von euch Deutschen um den Kopf geknallt kriegt) nicht der Weisheit letzter Schluss. Abgesehen davon hat man bei St.Germain/Trianon vile betrogen, z.B die Slowaken da die Tschechoslowakei ohne deren Zustimmung. Die Tschechoslowakei war eine rein tschechische Idee. Oder Kroatien wollte auch kein Teil Jugoslawiens werden, beides rächte sich bitter als die Slowakei und Kroatien Hitler unterstützten um die Unterdrückung abzuwerfen.
    Hier haben wir die einzig faire Lösung der Problematik:
    Aurel Popovicis Plan http://www.thomasgraz.net/glass/map-popov.htm

    Und zum Vergleich eine Nationalitätenkarte http://www.thomasgraz.net/glass/map-ethn.htm

    Ist doch gut, die Lösung?
    Um wieder zur Ausgangsfrage zu kommen:"Vertrag, Diktat oder gerechte Strafe?", so kann man nur sagen dass man diesen in Bezug auf die Donaumonarchie nur als humanitäre Katastrophe bezeichnen kann. Denn kein Nachfolgestaat war ein Nationalstaat, aber alle handelten als wären sie ein solcher.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Oktober 2006
  12. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Das Interesse war klar, Beendigung von Krieg und Hunger auf Basis der 14 Punkte.
    Durch die Meuterei der Seekriegsleitung hatten die Massen den Beweis vorliegen, dass die Herrschenden den Krieg verlängern wollten. Ist ja auch ein Hammer, Befehl zum Großangriff mitten in Waffenstillstandsverhandlungen.

    Grüße Repo
     
  13. Arcimboldo

    Arcimboldo Aktives Mitglied

    ...verstehe ich jetzt nicht, will es aber :) ..von welchem Waffenstillstand ist hier die Rede , der "nur wegen der glatten Meuterei " der Seekriegsleitung geleistet werden mußte :(
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Oktober 2006
  14. Saint-Just

    Saint-Just Neues Mitglied

    Fakt ist, der Kaiser musste seinen Thron am 12. November räumen und die Monarchie war am Ende. Die Frage ist: was sollte die habsburgischen Länder noch zusammenhalten- ohne Habsburg? Dafür musste eine Regelung gefunden werden.
    Sieht aus wie die Grenzziehung für Nationalstaaten ;) Probleme: Ungarn dazu bringen, einen Gutteil seines Territoriums aufzugeben. Die Polen und Serben überzeugen, doch besser im Reichsverband zu bleiben. Eine Mehrheit der Deutschen für diesen Plan gewinnen.
    Der Befehl zum Großangriff kam am 28. Oktober und scheiterte am Widerstand der Matrosen. Die Waffenstillstandsverhandlungen begannen erst am 8. November.
    Nach dem "Schwarzen Tag des deutschen Heeres" am 8. August war der Krieg auf jeden Fall verloren (keine Kräfte mehr für deutsche Offensiven, die Kräfteverschiebung durch die Ankunft weiterer US-Truppen)- Deutschland hätte also auf jeden Fall Waffenstillstand und Frieden schließen müssen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Oktober 2006
  15. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Die Frage die du aufwirfst ist ja ganz interessant. Vielleicht war für einen Völkerbund als Nachfolgestaat von Ö-U die Zeiten einfach noch nicht reif. Dass der Nationalstaat als hohe Premisse auch gefährlich war, das hatte man aus dem 1.WK scheinbar in Versailles nicht gelernt.

    Natürlich traten dann in der Folge gegensätzliche Entwicklungen ein, so wie mit dem Beitritt Dtl. zum Völkerbund in Locarno. http://de.wikipedia.org/wiki/Verträge_von_Locarno
    Ein aber ähnlich verdichtetes staatenähnliches und nach außen auch geschlossen wirkendes Gebilde wie ein Staat "Vereinigte Staaten von Österreich-Tschechien..." bedeutet hätte, war damals aber scheinbar noch undenkbar. Dass dies neuen Konflikten Nahrung geben würde, erscheint für mich einleuchtend, denn die Problemlösungen in der Region wurden ja eher aufgeschoben, statt bewältigt.
     
  16. Gandolf

    Gandolf Neues Mitglied

    Es dürfte wohl um dieses Thema handeln: http://www.geschichtsforum.de/showthread.php?t=10165

    Meiner Meinung nach übersieht Repo zweierlei:

    Erstens bat die Deutsche Regierung schon vor der Meuterei um einen Waffenstillstand, weil das Reich vor dem militärischen Zusammenbruch stand: am 4.10.1918 ersuchte die deutsche Regierung um einen Waffenstillstand; Ende Oktober 1918 kam es zur Meuterei.

    Zweitens fielen die Waffenstillstandsbedingungen deshalb so hart aus, weil die Alliierten eine "deutsche Finte" befürchteten und nicht bereit waren, die Waffen unterhalb der Schwelle einer faktischen Kapitulation schweigen zu lassen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Oktober 2006
  17. collo

    collo Aktives Mitglied

    aus einer sehr interessanten neuerscheinung, passend zum thema:

    Niall Ferguson, Krieg der Welt, S. 216 ff.
    Ebd, S. 239 ff.

    und in diesem zusammenhang ebenfalls gefunden (aus unverdächtigen quellen):
    taz
    Die Zeit
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Oktober 2006
  18. tejason

    tejason Aktives Mitglied

    @Collo:
    Ein sehr lesenswerter Eintrag. Der humanistische Entwurf der aus Fergusons Werk herausleuchtet ist eine lohnende Perspektive für die europäische Zukunft. Im kriegsverheerten Europa des Jahres 1919 war eine so humane Denkweise natürlich nicht zu vermitteln.

    Ansonsten muss ich hier wohl einiges Klarstellen:
    Ich zitiere aus dem von dir mitzitierten Beitrag von mir:
    Beantwortet? Es lohnt sich beim Zitieren das Zitierte mitzulesen ;)

    Woher du den fehlenden Zusammenhang nimmst ist mir völlig Schleierhaft!

    Niemals war die Rede davon die Reparationen ALLEIN an der deutschen Wirtschaftskraft festzumachen!
    Du weist was ein Konkurs bedeutet? Sind Leistungen zu tragen die über die Wirtschaftskraft des Schuldners hinausgehen, erhält der Gläubiger (egal ob seine Forderungen noch so berechtigt sind) schlichtweg über kurz oder lang keinerlei Leistungen mehr. Erst wenn du dies als gerechte Strafe für Deutschland, entsprechend der im Versailler Vertrag festgeschriebenen alleinigen deutschen Kriegsschuld ansiehst, dann erst wird deine Aussage verständlich. Forderungen unangepasst über einen Konkurs hinaus aufrecht zu erhalten sind wirtschaftlich unsinnig.

    Der VV war alles Andere als ein gelindes Abkommen für den Besiegten. Ein im Maßstab seiner Zeit vergleichbares Völkerringen hatte es zuletzt in den Napoleonischen Kriegen gegeben. Die in den Pariser Frieden festgelegten Reparationen Frankreichs an seine Siegermächte waren zwar erheblich, konnten jedoch schon vor dem vorgesehenen Zeitraum von 5 Jahren beglichen werden (nach 4 Jahren)! Das besiegte Frankreich konnte auf dem Wiener Kongress sehr erfolgreich diplomatisch seine Interessen vertreten. Eine solche Chance hatte Deutschland nicht (auch durch eigene Schuld). Der restaurierten französischen Monarchie wurde ein diplomatischer Kredit eingeräumt. Der republikanische Regierungswechsel in Deutschland 1918 wurde dagegen nicht honoriert. Hier ist ein psychologischer Kardinalfehler des VV erkennbar.
    David Lloyd George (der damalige britischen Premierminister in einem internen Memorandum):
    „..Ungerechtigkeit und Anmaßung, in der Stunde des Triumphs zur Schau getragen, werden niemals vergessen noch vergeben werden.“
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. Oktober 2006
  19. Saint-Just

    Saint-Just Neues Mitglied

    Lern einfach, vernünftig zu zitieren, dann bleiben solche Mißverständnisse aus ...

    Wirklich? Ganz einfach: die Inflation hatte unbestrittenermaßen einen gewaltigen innenpolitischen Einfluss in Deutschland- zum Beispiel Hunger, Arbeitslosigkeit, Armut. Aber das kann nicht auf Versailles geschoben werden, wenn die deutsche Regierung selbst die Notenpresse anwirft, um sich von ihren aufgenommenen Kriegskrediten zu befreien. Typisches Beispiel wie innerdeutsche Probleme der Außenwelt zur Last gelegt werden.

    Mir war so- schließlich hast du bislang nur erläutert, dass Deutschland deiner Meinung nach völlig ungerecht behandelt wurde ... das übliche halt.

    Wobei nur noch zu beweisen wäre, dass der Fall auf Deutschland 1919 zutrifft. Außerdem solltest du nicht den Fehler begehen, einen Staat mit einem Privathaushalt gleichzusetzen. Achja, und wann hat Deutschland eigentlich Staatsbankrott angemeldet?

    Was ich seit meinem ersten Posting sage: Der Versailler Frieden entsprach sowohl der Art den Verträgen, die Deutschland im I. WK diktiert hat (Brest-Litowsk), als auch den gewaltigen Kriegsschäden insbesondere Frankreichs und Belgiens. Der Form nach mag man ihn ein Diktat nennen (eine Geschmacksfrage), so wie jeder Vertrag den ein militärischer Sieger mit dem Verlierer schließt, zwangsläufig Diktat ist, und kein demokratischer Aushandlungsprozess.
    Dass die Revolutionskriege unter völlig anderen Bedingungen ausgekämpft und beendet wurden, sollte klar sein. Da kann man Versailles auch gleich mit dem Frieden zwischen Ramses I. und Hattusilis vergleichen.

    Deutschland und die Deutschen sind aber doch zum Gutteil für das mitverantwortlich, was ihnen in Versailles widerfahren ist:

    Deutschland durch seine aggressive, zumindest schlecht durchdachte Politik vor 1914, den Überfall auf ein neutrales Land im August 1914, den unbeschränkten U-Boot-Krieg und nicht zuletzt den Beweis, welchen Frieden Berlin diktieren wird, hat es die Gelegenheit dazu. Zweierlei Maß ist es, diese Dinge nonchalant zu übergehen und sich ganz auf deutsches Leid und deutsche Opfer zu konzentrieren (heutzutage leider immer mehr üblich).Wäre eine solche Haltung wirklich moralisch, wirklich auf Gerechtigkeit aus, dann würde sie doch nicht nach Nationen fragen.

    Die Deutschen, weil sie sich nicht etwa von ihrer bankrotten Elite getrennt haben, sondern im Gegenteil- Leute wie Hindenburg- und die ganze Schicht, für die er stand- in Ehren hielten, einen Bruch mit der alten Elite nicht etwa als Befreiung von den Leuten verstanden, die sie in den bis dato blutigsten Krieg der deutschen Geschichte verwickelt haben- sondern als Zumutung durch die Alliierten! Die bürgerliche Demokratie nicht als Fortschritt, als Errungenschaft- sondern als Niederlage. Selbst nach den Millionen Toten des Weltkriegs betrachteten viele Deutsche die Alliierten als Hauptfeind- nicht ihre alte/neue Elite; die Soldaten auf der andren Seite des Schützengrabens als die Gegner- und nicht ihre eigenen Offiziere. Im Gegenteil- wer sich gegen das Militär und die alten Autoritäten wandte, galt schnell als Nestbeschmutzer (igitt!). Man frage nach bei Tucholsky oder Ossietzky. Kurz gesagt: die Deutschen büßten für ihre Unfähigkeit, eine Revolution zu machen, wenigstens eine funktionierende bürgerliche Republik zu schaffen.
    Das man einen wirklichen Bruch nie vollzogen hat, und die militärische Niederlage durch die Dolchstoßlegende und „Novemberverbrecher“ rationalisierte, das schuf auch psychologisch Voraussetzungen, auf denen Hitler aufbauen konnte. Was den deutschen nationaln Narzissmus kränkt(e), war nicht erst Versailles, sondern schon die Tatsache, den Krieg überhaupt verloren zu haben, und den Frieden nicht selbst diktieren zu können, sondern diktiert zu bekommen.
     
  20. AndreasKlammer

    AndreasKlammer Gesperrt

    Nachdem JEDER Nachfolgestaat in vielerlei Hinsicht von den Allierten abhängig war, scheint mir zumindest die Möglichkeit gegeben zu sein, einen solchen Bund den Nachfolgestaaten zu diktieren.
    Dass die CSP (Vorgängerin der ÖVP) noch am 10 Nov. 1918 erklärte (am 11. verzichtete der Kaiser auf "jeden Anteil an den Regierungsgeschäften", dankte aber nicht ab und die Republik wurde ausgerufen) sie würde für die Monarchie stimmen, belegt dass der Kaiser noch eine Lobby hatte, genauso wie die um ein Haar geglückte Machtübernahme in Ungarn 1921. Also mit etwas druck,seitens der Allierten, hätte sich hier schon noch was retten lassen. In einem föderalen Staatsgebilde wäre die Monarchie wohl soagr ein großer Vorteil gewesen, da sich streitigkeiten um den Spitzenplatz im Staate erüberigt hätten. Die neuen Nationalstaaten führten nur zu einem Aufschub, statt zu einer Lösung des Nationaltätenproblems, hier stimme ich Brissotin voll und ganz zu. Denn für viele (z.B die Italiener Dalmatiens, oder die Slowenen rund um Triest) war dies keine Lösung.
     

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