… Eines gibt mir seit Tagen zu denken:
Es ist interessant, dass das Vorhandensein von Antisemitismus in unserer Gesellschaft (bzw. der Umgang damit) von vielen Diskutanten als eine Art offensichtlicher Gradmesser für den Erfolg (oder Misserfolg) der deutschen Erinnerungskultur verstanden wird.
Schon die späte Hannah Arendt warf den Achtundsechzigern einen perversen Stolz vor; wenn ihre Väter schon Verbrecher gewesen seien, dann mussten es wenigstens die schlimmsten Verbrecher von allen seien, drunter ginge es nicht.
Angesichts der Herausgabe der NSDAP-Archivalien neulich war in der 'New York Times' (!) zu lesen, dass sich selbst die Nachfahren der Opfer heute mitunter (negativ) verwundern würden, wie bereitwillig die Deutschen über die Taten ihrer Vorfahren redeten. Und ich muss gestehen, dass mir beim Mitlesen von 'Spiegel Debatte' spontan das Wort der "Nabelschau" in den Sinn kam. Da herrschte mitunter ein regelrechtes Ergötzen, wenn der eigene Name in der NSDAP-Kartei auftauchte, oft in Verkennung der Tatsache, dass eigentlich nur eine frühe Mitgliedschaft in der Partei wirklich aussagekräftig ist, und man durchaus kein Parteibuch brauchte, um zum Schlächter zu werden. (Vielen Deutschen scheint gar nicht bekannt zu sein, dass sich Wehrmachtssoldaten erst ab 1944 in der NSDAP betätigen durften.)
Ebenso könnte man fragen, ob die Lehre aus dem Nationalsozialismus wirklich lautet, zu verhindern, dass in Deutschland die AfD regiert. Ich sage nicht, dass dieses Ziel falsch wäre, aber zwei Fragen müsste beantworten können, wer es vertritt: Im Reigen der weltweit erstarkenden rechten Parteien ist die AfD nicht wirklich einzigartig.
Will sagen: Könnte es sein, dass sich die deutsche Erinnerungskultur zu sehr in Details verliert—was vielleicht typisch deutsch sein mag—, anstatt die grundsätzlichen Fragen zu stellen, auf die es ankommt? Diese Problemstellung hat für mich das Zeug, das Selbstverständnis dieses Landes in seinen Grundfesten zu erschüttern. Blicken wir nämlich nach Japan, sehen wir eine Nation, die im zwanzigsten Jahrhundert ebenfalls schwerste Verbrechen begangen hat, diese Vergangenheit aber größtenteils ignoriert, und sich dennoch zu einer stabilen, pluralistischen (und zumindest nach internationalen Maßstäben liberalen) Demokratie gemausert hat. Sind die zivilisatorischen Errungenschaften, die wir heute an diesem Land wertschätzen, also wirklich das Verdienst einer wie auch immer gearteten deutschen Erinnerungskultur?
Ad 1) Nabelschau-das war auch ein Vorwurf, der Niklas Frank vorgeworfen wurde, dem Sohn des Generalgouverneurs, der ganz sicher für die Biographien seiner Eltern sehr viel Material gesammelt hat, der dann aber auch seinen eigenen Büchern ganz unnötig Schaden zufügt, indem er immer wieder in einen unsachlichen, übermäßig polemischen Ton verfällt. Es mag ja sein, dass es verstörend ist, zu erfahren, dass die eigenen Eltern verbrecherisch handelten. Verstörend ist es aber auch, wenn man liest, dass die Exekution des eigenen Vaters sexuelle Phantasiien ausgelöst habe, was man Niklas Frank glaubt, der immer Fotos der Leiche seines exekutierten Vaters mit sich herumschleppt. Es gibt kaum ein Interview mit Niklas Frank, ohne dass der irgendwann eine Fotografie seines toten Vaters zückt, seines hingerichteten Vaters. In einem Interview mit dem SWR erzählte Frank ganz stolz, dass er mit viel Mühe von den Amerikanern ein Foto besorgt habe, auf dem der exekutierte Hans Frank nackt war. Diese Fotos trägt Niklas Frank immer bei sich, zeigt sie gerne herum. Erhängen ist eine qualvolle Todesart, bei Suiziden endet sie meist in einer langsamen, überaus grausamen Strangulation. Bei Exekutionen mit der sogenannten long drop Methode soll das Genick brechen. Bei den Nürnberger Exekutionen berechnete man nicht, dass einige in Haft abgenommen hatten, bei einigen Delinquenten dauerte der Todeskampf sehr lang. Die Henker hatten die Seillänge zu lang oder zu kurz gemacht, bei einigen dauerte der Todeskampf sehr lange. Auch Hans Frank ist nicht leicht gestorben.
Kein Mensch wird mich je davon überzeugen, dass so etwas noch gesund ist, so eine fast nekrophil anmutende Freude an der Exekution eines Menschen, des eigenen Vaters zu empfinden. Ich glaube auch nicht, dass Schuldgefühle und (Selbst)-Hass dazu beitragen, die eigene Geschichte und die eigene Identität auch mal zu akzeptieren.
Hans und Brigitte Frank, waren ja nun gerade keine pathologischen Fälle, das waren ja normale Deutsche, die zu anderen Zeiten vermutlich unauffällig gelebt hätten, er war ein begabter Mann, hervorragender Schachspieler und Pianist. Ein gebildeter Deutscher, der äußerst brutale, barbarische Taten beging. Es gibt aber keine Sippenhaft, es ist Niklas Frank 1939 geboren, nicht schuldig er hat keine Schuld am NS, auch nicht sein 1928 geborener Bruder Norman, der sagte, sein Vater war ein Kriegsverbrecher, und er hat ihn geliebt.
Niklas Frank ist kein Verbrecher, weil seine Eltern Verbrechen zu verantworten haben. Er trägt kein Mörder-Gen in sich, und er ist auch nicht verdammt dazu, die Untaten seiner Eltern zu wiederholen. Ebenso wenig wie es eine Kollektiv-Schuld der Deutschen gibt, wie die Deutschen dazu verdammt sind, die Verbrechen der NS-Zeit zu wiederholen, nur weil viele Mitläufer und Mittäter, sich einer Aufarbeitung verweigerten.
Es sind ja doch am Ende die meisten in der Demokratie angekommen, wussten deren Vorzüge zu schätzen. Viel mehr war nicht zu erwarten damals dass am Ende und man verkennt am Ende auch die Einzigartigkeit, die Singularität des NS, wenn Ereignisse, wenn man ständig suggeriert, dass er sich genauso wiederholt.
Das aber ist das wiederkehrende Thema bei Niklas Frank. Das deutsche Volk hat die NS-Zeit seiner Meinung nie verarbeitet, da ist im Grunde die gesamte deutsche Geschichte nur die Vorgeschichte des NS, und die Bundesrepublik der Epilog der Nazi-Zeit.
Niklas Frank wird nie müde, in einem weinerlich-polemischen Ton zu beklagen, dass er die Gene seiner Eltern in sich trägt ganz so als sei er dazu dazu verdammt, zum Kriegsverbrecher zu werden, weshalb er als ewige Mahnung immer die Fotos des erhängten Hans Frank bei sich trägt.