B ... wie Bäderarchitektur, Betonbunker: Borkum

Da im Faden über die Erfindung des MGs erwähnt, hier zu den MG-Ständen der Festung Borkum:
Borkum MG Stände.png

Es war der IMKK wichtig, die Nahverteidigungsanlagen eigens darzustellen. Sie werden als "Emplacements des mitrailleuses" bezeichnet, gemeint sind damit "verbunkerte" MG-Stände (der franz. Begriff mitrailleuse wurde ab ca 1890 nicht mehr für die veraltete franz. Mitrailleuse, sondern für MGs a la Maxim-MG verwendet) Die Auflistung samt Plänen im Dossier "Place de Borkum" ist von 1927 und verwendet das seinerzeit aktuelle militärische Fachvokabular.
Die Pläne zeigen drei verschiedene Varianten von MG-Bunkern, zusätzlich einen Mannschaftsraum "Abri remise pour mitrailleuses" - ein solcher ist vor wenigen Jahren nahe der ehemaligen Dünenbatterie auf den Strand gestürzt. (die MGs der Dünenbatterie hatten keinen verbunkerten Kampfraum)
Die Funktion der Borkumer MG-Stände war die der Graben- und Vorfeldstreichen. Lediglich die zum Watt gelegenen Bereiche/Ufer der Insel wiesen keine Verteidigungsanlagen auf, denn vom Watt her war kein Angriff zu erwarten (das Watt zwischen Insel und Festland taugte nicht für Schiffe und war für Bodentruppen mit allerlei Equipment unpassierbar)
Erstaunlich, dass die IMKK zwar die MG-Halterungen / MG-Standorte der drei Infanteriewerke und der Neben- & Hauptstände zwar erwähnt, aber nicht zu den eigentlichen Emplacements des mitrailleuses hinzuzählt. Sie hatten ebenfalls die Aufgabe, das Vorfeld (Strand) zu bestreichen, aber sie sind wohl als Bestandteile der genannten Anlagen (Infanteriewerke, Haupt-&Nebenstände) zu rechnen.
Die IMKK zählt sieben eigene MG-Stände, hinzu kommen drei Infanteriwerke und mehrere Haupt-&Nebenstände - es waren wohl insgesamt 15-20 vorbereitete MG-Stellungen auf der Insel vorhanden. Ob jeder MG-Stand über genau ein MG verfügte, oder noch ein oder mehrere zusätzlich hatte, geht aus dem Dossier nicht hervor.
 
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Ich greife das noch mal auf (...) :
Die IMKK listet für Borkum mehrere "Batteries de D.C.A." auf, in #26 ist die Liste mit den nummerierten Festungswerken (Batterien, Flakbatterien, MG-Streichen, Peilstände, Kommandostände, Infanteriewerke usw.) zitiert/abgebildet. Die Nummern 43-49 sind die sieben Flakbatterien, die während des Kriegs eingerichtet wurden.
Die IMKK hat von zwei der sieben (oder acht) Flak-Batterien (Batteries de D.C.A.) Pläne angefertigt:
Flak Batterie York:
Borkum Flak York.png

Borkum Flak York 2.png


Flak Batterie Bölke:
Borkum Flak Bölke.png


Verglichen mit den hier die speziellen Anforderungen des Küstenschutzes angepassten gesplitteten Befestigungsgruppen wirken die Flak Batterien kaum festungsmäßig, eher wie improvisiert. Aber dieser Eindruck täuscht: ihr dem Gelände angepasster Aufbau stets nah an den Kommunikationslinien (Militärbahn & -straßen) entspricht dem in den Festungen Wilhelmshaven und Cuxhaven (siehe dort)
 
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@muck in #4 ist eine Übersichtskarte (Festungsplan Stand 1924/27) und da zeigen sich einige Veränderungen der Küstenlinie im Vergleich zu heute: es gab die Seehundbank vor der Wandelhalle noch nicht, viel Gelände an der Wattseite ist durch Eindeichung hinzugekommen, viel Sandfläche im Nordosten ist weg geschwemmt (der Strand bei der Dünenbatterie ist heute viel schmaler)
 
Sehr auffällig ist der Sandabtrag am Nordstrand: die historische Karte zeigt zwischen Dünen und Nordsee einen mächtigen breiten Sandstrand "Nordstrand" (bei der blauen 5, Dünenbatterie), die Sandmassen sind westwärts gewandert, bilden heute die einem Nahrungshaken ähnelnde Seehundbank "hohes Riff", das früher langgestreckte"hohe Hörn" (Ostzipfel) ist überwiegend verschwunden, beim Südstrand/ronde Plat ist einiges Land hinzugekommen (da bildet sich Richtung Reede ein weiterer Nahrungshaken?)
 
... allmählich trudeln bei mir zumindest mich verblüffende Materialien zur Borkumer Festungsgeschichte ein. Zwar muss ich noch einiges abwarten (ich habe erst im Winter einen Termin im Militärarchiv Freiburg mit einem Stapel Akten), aber vorab kann ich zumindest ein paar noch ungefähre Neuigkeiten mitteilen:
- zwar erklärte die AKO 1908 Borkum explizit zur Festung, aber durch allerlei Publikationen geistert auch eine Erklärung Borkums zur Festung im Jahr 1902. Letztere war ganz offensichtlich nicht nur ein Papiertiger, nicht nur eine Absichtserklärung: zwar begann der seinerzeit hochmoderne Festungsbau in Stahlbeton erst 1909, wie ich schon geschrieben hatte, und zwar nachdem 1908 die Ostlandbahn bis in die Ostdünen und die Nordstrandbahn erweitert war, aber sowohl Planungen als auch erste Baumaßnahmen begannen schon früher:
- - Major & Ingenieur-Offizier Roos: Übersichtsplan der militärischen Befestigungsanlagen auf der Insel BORKUM
Kolorierter Druck, Papier auf Leinen, 1907
- - nochmals Roos, derselbe Titel, diesmal 1908
- - dazu: Militärische Befestigungsanlagen auf der Insel BORKUM Druck gezeichnet von Festungsbau-Feldwebel Kuhlmann Papier Format 48,0x32,8 M 1:25.000 1908
Borkum 1908.png

Auch wenn dort Dezember 1911 vermerkt ist, diese Karte hat Kuhlmann 1908 angefertigt - für uns interessant ist daran:
1. die Ostlandbahn war schon bis zu den Kobbe-Dünen (Dünenbatterie) vorangeschritten, die Nordstrandbahn ist nicht eingezeichnet
2. rotes a irgendein erster Militärbau auf dem Gelände der späteren Dünenbatterie
3.
rotes b irgendein erster Militärbau am "Sturmeck", wo später ein verbunkerter MG-Stand den Strand (Muschelfeld, Tüskendöör) sicherte
4. rotes c liegt etwas östlich seitab der späteren Südbatterie, ziemlich genau am Platz des Infanteriewrks Süddünen (siehe Festungskarte in #4)

5. zuständig war offensichtlich "Fortifikation Wilhelmshaven"
- - verblüffend für 1908 dann auch ein "Übersichtsplan der Linienführung der Fernsprechleitungen zwischen den Befestigungsanlagen auf Borkum" gezeichnet von Feldwebel Kuhlmann (leider nicht online einsehbar)
- - 1910 ein "Lageplan des noch für militärische Zwecke anzukaufenden Geländes auf der Insel BORKUM", Druck gezeichnet von Festungsbau-Feldwebel Kuhlmann:
Borkum 1910.png

rot das Gelände der Befestigungsgruppe um Hauptstand II, zwischen Strand- und Südbatterie gelegen (Plan #4)

Ganz besonders gefreut hat mich der Fund zweier Fotografien von 1927, die eine lässt den Batterieblock der Strandbatterie erkennen, die andere zeigt deutlich den mächtigen MG-Stand, aus dem später "Möwennest" und Gasthaus "heimliche Liebe" wurden. Zwar sind diese Fotos bzw. Ausschnitte aus diesen nicht aus der aktiven Festungszeit, aber auf jeden Fall vor der Wiederaufrüstung.
Strandbatterie.png

(ziemlich genau in der Mitte kann man den Batterieblock mit den vier Traversen erahnen)

MG-Stand heimliche Liebe.png

Hightech-Stahlbeton aus der späten Kaiserzeit am Badestrand mit den typischen Borkumer Strandzelten :)

Und weil ich zuvor einiges zu Bäderarchitektur und Jugendstil verzapft hatte, zwei alte Fotos vom mondänen Badeleben: das erste von 1909 mit Strandkörben und Strandzelten aber noch ohne Wandelhalle, das zweite dann mit der Jugendstil-Wandelhalle:
Bäderarchitektur 1909.png


Bäderarchitektur mit Wandelhalle.png


...vielleicht ist es ja nur ein exzentrischer Spleen von mir, aber ich finde dieses kuriose, merkwürdige und doch beinahe symbiontische Nebeneinander von Jugendstil, Badeleben der Zauberbergzeit und Stahlbeton gleichermaßen faszinierend wie auch irgendwie anrührend.
 
Hightech-Stahlbeton aus der späten Kaiserzeit am Badestrand mit den typischen Borkumer Strandzelten
zu diesem Foto noch ein Ausschnitt des Festungsplans und der Detailplan des MG-Stands:
Festungsplan Ausschnitt.png

bei "Strandbatterie" sieht man deutlich den Batterieblock, bei der roten 33 den MG-Stand

MG-Stand Nr.33.png

und genau diesen zeigte das Foto von 1927 von schräg oben
 
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