vielleicht ist es ja nur ein exzentrischer Spleen von mir, aber ich finde dieses kuriose, merkwürdige und doch beinahe symbiontische Nebeneinander von Jugendstil, Badeleben der Zauberbergzeit und Stahlbeton gleichermaßen faszinierend wie auch irgendwie anrührend.
...und da könnte der Eindruck entstehen, dass ich mit rührseliger Nostalgie (wenn nicht gar gute-alte-Zeit-Feeling) auf diese Bilder aus der Jugendstilzeit blicke, immerhin habe ich das Geschichtsforum bzgl. Jugendstil (und Festungen dieser Zeit) unverhältnismäßig strapaziert...
Es ist ein wenig anders.
Zunächst: Bilder beeinflussen den Blick, die Perspektive des Betrachters, das ist gar keine Frage (und mehr als nur oft wollen/sollen sie das) und so gibt es - neue wie alte - Bilder der Bäderarchitektur, die einerseits informieren und andererseits für ihre Sehenswürdigkeit werben. Für uns heute kommt dabei gerade bzgl. der "alten" Bilder, der historischen Fotografien, noch ein anderer Aspekt hinzu: die Patina des Gelbstichs, der körnigen Unschärfe. Sie übertüncht sozusagen das, was abgelichtet ist, mit einem quasi Nostalgiefilter - dabei ist nun gerade das, dieser Nostalgiefilter, dieser Eindruck, den wir haben, gar nicht die Absicht solcher alter Fotografien.
Nehmen wir nochmal das Foto, das um 1912 aufgenommen wurde:
links zwei Damen, modisch und teuer gekleidet, ein Herr im Anzug und mit hellem Sommerhut, eine Jugendliche - vielleicht eine wohlhabende Familie, die sich im mondänen Seebad einen kostspieligen Urlaub (evtl. im noblen Strandhotel) gönnt, mutmaßlich am frühen Morgen vor dem Frühstück, denn am Strand ist noch kein Gewimmel, auf der Kurpromenade und rechts an der Wandelhalle ist auch noch nichts los, vermutlich ein arrangierter Fototermin, der die Familie vor der prachtvollen und
seinerzeit ultramodern-mondänen Kulisse festhält - - eigentlich sieht es ansonsten, denken wir uns den Nostalgie-Gelbstich weg, kaum anders als heute an einem noch unbelebten frühmorgendlichen Strand aus: die Badezelte und Strandkörbe stehen herum, vom Vortag noch Sandhügel (Burgen) von den Urlauberkindern, auch teilweise die touri-typischen Sandwälle (das ist MEIN Strandzelt) - - und jetzt denken wir uns die Mode weg, denken wir uns dieselbe Familie, aber mit angesagten teuren Sonnenbrillen, schmucken premium-Handys, Gucci-Handtäschchen etc. und eigentlich sind die nicht anders als wir.
...ach ja....der eisgraue Bunker, der zu dieser Zeit schon gebaut war, überhaupt die massenhaften Hightech-Festungsanlagen, von denen ich Festungsfreak seitenlang salbadert habe: wirken sie wie ein Stilbruch, stören sie die Badeidylle, passen sie nicht, ist diese Diskrepanz etwas, das nun doch sehr weit weg von uns ist? Unlängst waren mir Güterzüge voller Panzer aufgefallen, in den Gazetten und online-News lese ich alle Nase lang von Drohnen, Marschflugkörpern etc - nein, das ist gar nicht so weit weg von unserer heutigen Idylle!
Und ebenfalls ganz nah an unseren heutigen Erlebnissen: ein oder anderthalb Jahre nach diesem Foto spielten sich an der Kleinbahn zum Hafen und dann an der Bahn in Emden Szenen ab, ähnlich wie ich sie, vom Pellworm-Urlaub kommend, in Husum erleben musste: unübersehbare gestresste Menschenmassen wegen plötzlichem Bahnstreik... gestresste Menschenmassen 1914 auf Borkum: mit Kriegsausbruch war auf einen Schlag die mondäne Badeidylle perdu! Alle Gäste, egal wie nobel, reich, angesehen, verwöhnt, restlos alle Gäste musste binnen 2 Tagen die Insel verlassen, die nun komplett dem Festungskommandanten und damit dem Militär unterstand. Wie im Zauberberg!...
Die Prachthotels mit ihrer Bäderarchitektur, der ganze Jugendstilprunk, das lag nun brach, verwaist... für die Inselbevölkerung war die größte Einnahmequelle mit einem Schlag weggebrochen (und man darf sich gar nicht vorstellen, welche Auswirkung das auf das zahlreiche, teils wohl auch nu saisonal beschäftigte Hotelpersonal das hatte) und diese Einnahmequelle konnte vom nun personell stark aufgestockten Militär, das die Festung komplett kampfbereit halten musste, nicht aufgewogen werden.
...und damit begann ein häßlicher, ein unangenehmer, ja ein scheußlicher Abschnitt des komplett verödeten "Kulturlebens" auf der abgeriegelten Insel, deren Bewohner mit allerhand Maßnahmen reglementiert wurden. Durch den gesamten Ersten Weltkrieg hindurch erschien eine
Kriegszeitung der Festung Borkum, und was da an Durchhalteparolen und vaterländisch-patriotischem Kitsch verzapft wurde, da fallen mir keine passenden Adjektive ein... ohne Worte ein paar Snapshots:
(rührselige, sprachlich unfassbar kitschige Durchhalte-Texte erspare ich uns)
die Screenshots sind aus