Das Kaiserreich - modern oder autoritär?

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von derralf, 29. April 2005.

  1. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Die Frage läßt sich so ohne weitere gar nicht einheitlich beanworten. Einerseits war Wilhelm II. der Moderne in Fragen wie technischen Neuerungen wie Autos, Flugzeugen, Funk, Eisenbahn etc.etc. sehr aufgeschlossen. Politisch war er eher einer von gestern, reaktionär mit Tendenzen zum Absolutismus.

    Ein Literaturtipp hierzu: König, Wilhelm II. und die Moderne
     
  2. JohnSteed

    JohnSteed Neues Mitglied

    Die Frage ist, wie du das meinst, ob technisch oder quasi moralisch-politisch. Bei letzterem war das deutsche Kaiserreich der preussischen Könige in der Tat sehr pomadig und rückständig.
    Es brauchte eben 1918 und die Matrosenaufstände etc., um diesen Mief herauszulassen.
     
  3. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Das Deutsche Kaiserreich war kein Kaiserreich der Könige Preußens. Das Kaiserreich war ein Bundestaat, ein Bündnis der Fürsten.

    Das Präsidium des Bundes wurden durch den preussischen König geführt.
     
  4. Arne

    Arne Premiummitglied

    Ich habe mir jüngst den Artikel von Eberhard Demm "Sic volo sic jubilo - Das 25. Regierungsjubiläum Wilhelm II. im Juni 1913" besorgt. (Archiv für Kulturgeschichte 0003-9233, Böhlau-Verlag Köln)
    Absolut lesenwert, weil er einen Blick in Ablauf, Organisation und Zuständigkeiten des Apparates und dem Befinden der Bevölkerung gibt. Ich gebe hier mal die Konklusion am Ende wieder:

    Und doch noch ein kurzes Zitat im Kapitel über das Pressecho und die Wertungen Wilhelms Verdienste oder Verfehlungen mit Seitenhieb auf meinen speziellen "Lieblingshistoriker" :pfeif: John Röhl und dessen abseitige Position:


     
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  5. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Ich denke, es war bezeichnend für das deutsche Kaiserreich, dass es eben beides war, sowohl modern wie rückständig. Um 1900 war das Reich in Europa die größte Industrienation und Wirtschaftsmacht geworden, die selbst das bewunderte Empire eingeholt und teilweise überholt hatte. Das "made in Germany" war zu einem Qualitätsmarkenzeichen geworden. Deutsche Wissenschaftler gewannen einen Nobelpreis nach dem anderen.
    Das deutsche Rentensystem war so modern, dass es von anderen Staaten kopiert wurde. Die Administration war effektiv und effizient, und es bot das Kaiserreich durchaus ein beachtliches Maß an Rechtssicherheit. 1871 wurde auch die in einzelnen deutschen Ländern bereits früher eingeführte Emanzipation jüdischer Deutscher bestätigt, die in Kunst und Industrie, in den freien Berufen die neue Freiheit nutzten, und Leute wie Fritz Haber und Walther Rathenau waren glühende Patrioten. Die deutsche Arbeiterbewgung war vermutlich die bestorganisierte in Europa und die SPD die stärkste, im Reichstag vertretene Partei.

    Der Reichstag konnte freilich jederzeit aufgelöst werden, der Reichskanzler wurde vom Kaiser ernannt wie im Zeitalter der Kabinette. In Preußen, und das war ein beachtlicher Teil des Deutschen Reichs galt bis 1918 ein Dreiklassenwahlrecht nach vermögen gestaffelt. Im diplomatischen Korps, in der Armee und Administration gaben nach wie vor die alten Eliten aus Adel und Großbürgertum den Ton an, und der Charakter eines Obrigkeitsstaates wurde bei vielen Gelegenheiten deutlich: Viel belächelt wurde der Coup des Schusters Wilhelm Voigt, der als "Hauptmann von Köpenick den Bürgermeister verhaften ließ und die Stadtkasse mitgehen ließ. In Oberschlesien, Masuren und im 1871 annektierten Elsass- Lothringen wurde eine recht agggressive Germanisierungspolitik praktiziert. 1913 erregte die Zabern Affäre Aufsehen. Das Militär zeigte oft wenig Fingerspitzengefühl, was Anlass gab zu Streitereien. 1913 riet ein Oberleutnant seinen Leuten, rücksichtslos von der Schusswaffe Gebrauch zu machen. "Wenn ihr dabei einen "Wackes" (abschätzige Bezeichnung für Elsässer) niederstreckt, kriegt ihr von mir noch 2 Mark" sagte der Leutnant. Obwohl das Verhalten nicht gebilligt wurde, glaubte Reichskanzler Bethmann- Hollweg das Militär gegen Kritik in Schutz nehmen zu müssen.

    Mit dem 1. Weltkrieg wurde Deutschland spätestens 1916 mit dem Dumvirat Hindenburg/ Ludendorff de facto zu einer Militärdiktatur, bei der der Kaiser nur noch gebraucht wurde, um Orden zu verteilen, und der Reichskanzler Bethmann- Hollweg noch als Sündenbock gebraucht wurde.:devil:
     
  6. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Im Deutschen Kaiserreich hieß die Länderkammer Bundesrat.:friends:

    Erst in der Weimarer Republik wurde dieses Organ Reichsrat genannt.
     
  7. Gautatyr

    Gautatyr Neues Mitglied

    Mit eben dieser Stellung des Bundesrat[h]es beschäftige ich mir zurzeit. In der Verfassung ist er die erste Institution die genannt wird. Er besteht aus 58 Vertretern der Mitglieder des Bundes. Diese Vertreter waren Mitglieder der einzelnen Regierungen? Denn im Verfassungtext fällt lediglich das Wort "Bevollmächtigte".
    Meine Frage: Inwiefern waren die Bürger der einzelnen Staaten durch diese Bevollmächtigten vertreten? Wenn also Preußen 17 Bevollmächtigte entsandte und diese Bestandteil der Regierung waren und durch ein Dreiklassenwahlrecht gewählt wurden, waren die Bürger ja zumindest indirekt repräsentiert. Wie trifft das für die anderen Bundesstaaten zu? War z.B. die Bürgerschaft Bremens "direkter" repräsentiert, weil die dortige Regierung anders zustande kam?

    Lg
     
  8. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Der Bundesrat hat in der politischen Praxis doch deutlich, im Gegensatz zu seiner in der Verfassung angedeuteten Stellung, an Kaiser und Kanzler verloren. Das Wahlrecht war in den einzelnen Ländern recht unterschiedlich. Im Süden war es wohl deutlich demokratischer als in Preußen. Die Anzahl der Mitglieder der Mitglieder richtete sich nicht nach der Größe der jeweiligen Bevölkerung, sondern nach der Größe der Fläche des jeweiligen Landes.

    Die Regierungen der Länder ernannten ihre Bevollmächtigten, die übrigens nur einheitlich abstimmen konnten.
     
  9. Gautatyr

    Gautatyr Neues Mitglied

    Leuchtet mir ein. Jedoch: Inwieweit waren die Bürger (demokratisch) an den Regierungen der Länder beteiligt?
    Grundsätzlich schonmal gut zu wissen, dass es wohl ein Süd-Nord-Gefälle gab.
     
  10. YoungArkas

    YoungArkas Neues Mitglied

    Ich glaube du sitzt da einem Missverständnis bezüglich der Regierungen auf. Die Regierungen der Länder waren meistens, wie die Reichsregierung auch, vom jeweiligen Fürsten ernannt und waren rechtlich Teil der Beamtenschaft. Dieser bestimmte auch die Bevollmächtigten. Die Vertreter der Hansestädte hingegen dürften tatsächlich etwas wie eine demokratische Legitimation besessen haben.
     
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  11. Gautatyr

    Gautatyr Neues Mitglied

    Kein Missverständnis! Deine Antwort beantwortet ja direkt meine Frage. Zusammenfassung: Mit Ausnamhe der Hansestädte war der "Wille des Volkes" nicht im Bundesrat repräsentiert?!
     
  12. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Das richtete sich nach den Verfassungen der einzelnen Bundesländer. In Bayern beispielsweise sah die Verfassung von 1818 zwei Kammern vor. In der ersten saßen Vertreter des Adels und auch der Geistlichkeit. In der zweiten Kammer saßen die Volksvertreter. Bayern war eine konstitutionelle Monarchie.
     
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  13. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    "Bevollmächtigte" waren Botschafter/Gesandte. Also der/die Vertreter des jeweiligen Souveräns, wer auch immer das war, also Beamte, keine "Volksvertreter" etwaiger Parlamente.

    So wie heute der Botschafter der Bundesrepublik, die Bundesrepublik z.B. in Kamerun vertritt.

    Zur Ernennungspraxis im Kgr. Preußen, vergl. z.B. hier:

    http://preussenprotokolle.bbaw.de/bilder/Band 8-1.pdf

    M.
     
  14. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Die Bürger des Kaiserreichs waren selbstverständlich nicht im Bundesrat repräsentiert. In den Bundesrat entsandten die Länderregierungen Bevöllmächtigte. Doch wurden die Länderregierungen nicht von den Abgeordneten der Landtage gewählt, sondern von den fürstlichen Herrschern der Länder ernannt - oder auch aufgelöst. Insofern besteht ein Unterschied zwischen dem Bundesrat im kaiserlichen Deutschland und dem der heutigen Bundesrepublik.
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. Februar 2013
  15. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Möglicherweise habe ich mich oben nicht deutlich genug ausgedrückt.:winke:
    Die Bevollmächtigten des Bundesrates waren an den Instruktionen ihrer Regierungen gebunden, von denen sie auch ernannt worden. Die Regierungen widerrum wurden von den jeweiligen Landesfürsten (König, großerzog etc.) ernannt und entlassen.

    Preußen selbst verfügte im Bundesrat zwar nur 17 Stimmen, aber es war ein leichtes für Bismarck Majoritäten zu organisieren. Es gab ganz 17 "Zwergstaaten" wie beispielsweise Schwarzburg-Rudolfstadt die jeweils nur über einer Stimme verfügten. Diese "Zwergstaaten" waren i.d.R. von Preußen wirtschaftlich abhängig und wurden so auf Kurs gebracht. Des Weiteren ist anzumerken, das der Bundesrat nicht über einen eigenen bürokratischen Apparat verfügt, ja nicht einmal über ein eigenes Gebäude. Sitzungen fanden meistens im Reichskanzleramt statt. Vorlagen für den Budnesrat wuden häufig "auf dem letzten Drücker" eingebracht. Vertreter der kleinen und Zwergstaaten waren gar nicht oder nur unzureichend informiert und häufig genug auch gar nicht fachlich kompetent genug, so das sie der preußischen Bürokratie hoffnungslos unterlegen waren. Außerdem, wie schon erwähnt, waren die Bevolmächtigten instruktionsgebunden. Instruktionen erteilte die Regierung, die aber nun von den Informationen aus Berlin abhängig waren.

    Nipperdey, Machtstaat vor der Demokratie
    Mommsen, Das Ringen um den nationalen Staat
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. Februar 2013
  16. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Erwähnt sei beispielsweise hier das Reichspressegesetz aus dem Jahre 1874, welches die Beschlagnahme jeglicher Druckerzeugnisse ohne vorherige gerichtliche Billigung ermöglichte. Dieses Gesetz ermöglichte der Polizei gegen die ultramontane katholische und gegen die sozialistische Presse rücksichtslos vorzugehen, wenn diese auch nur den Anschein des Eindrucks erweckten, gegen bestehende Gesetze zu verstoßen. Die verantwortlichen Drucker, Verleger, Redakteure und Verteiler konnte Geldstrafen bis zu 1.000 Reichsmark aufgebrummt bekommen und mit bis zu einem Jahr Haft bestraft werden. Lasker prangerte diese Vorlage zwar als Angriff auf die Pressefreiheit an, doch die Vorlage passierte den Reichstag.
    Aber schon vor der Annahme dieses Gesetz gaben die geltenden preußischen und Reichsgesetze dem preußischen Innenminister, von Bismarck angetrieben, Gelegenheit massiv, repressiv vorzugehen. Ein Gesetz aus dem Jahre 1850 gestattete der Polizei, bei denen öffentliche Angelegenheiten und politische Gegenstände diskutiert wurden, weitgehend nach eigenem Ermessen einzuschreiten. Das Strafgesetzbuch sah Geldstrafen bis zu 600 RM und Haft bis zu zwei Jahren vor.

    Pflanze, Bismarck. Der Reichskanzler
     
  17. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    Das ist die eine Seite, unzweifelhaft - die andere Seite ist die Tatsache, dass im Kaiserreich Richard Strauß komponieren, die Brüder Mann, Liliencron, Holz uv.a. publizieren konnten, Klimt, Munch, Schiele malen/austellen konnten. Die teils repressive Gesetzeslage wurde ja nicht permanent komplett ausgeschöpft.
     
  18. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Ferner ist zu sagen, dass das "Volk" wenig Anteil an der Regierung hatte. [FONT=Arial,Helvetica,sans-serif][FONT=Arial,Helvetica,sans-serif]Bereits die Präambel der Reichsverfassung, in der sich alle deutschen Fürsten zum Zusammenschluss ihrer Länder in einem Bundesstaat bekannten, offenbarte den Charakter der Reichsgründung als "Revolution von oben". Das Volk wurde hingegen nur beiläufig erwähnt. Seine Vertretung, der Reichstag, wurde in allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlen gewählt und hatte lediglich Befugnisse bei Gesetzgebungsverfahren sowie im Budgetrecht. Der Haushalt bedurfte seiner Zustimmung, allerdings ohne Militärausgaben, die immerhin vier Fünftel der Reichsausgaben betrugen. Diese bewilligte der Reichstag für eine festgesetzte Heeresgröße zunächst für sieben, ab 1881 für fünf Jahre pauschal.

    Auf die Regierungsbildung hatte der Reichstag keinen Einfluss, da der Reichskanzler ohne seine Mitwirkung vom Kaiser ernannt oder entlassen wurde, und auch den Reichstag berief der Kaiser ein oder entließ ihn. Erst kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs erfolgte unter dem Eindruck der Vierzehn Punkte von US-Päsident Wilson der Übrgang zum parlamentarischen System (Oktoberverfassung vom 28.10.1918). Wegen der 1918 ausbrechenden Novemberrevolution blieb diese Verfassungsreform jedoch ohne Auswirkungen.

    Ich kann nicht erkennen, welche "modernen Züge" die Verfassung des Kaiserreichs z.B. gegenüber dem britischen oder französischen System - und damit müsste man es ja vergleichen - gehabt haben soll. In Frankreich wurde zur gleichen Zeit der Präsident vom Senat und der Abgeordnetenkammer gewählt, in Großbritannien lag die Macht seit 1911 allein beim Unterhaus, das den Premier abwählen konnte. Damit verglichen ist das Verfassungssystem des deutschen Kaiserreichs doch arg rückständig.
    [/FONT][/FONT]
     
  19. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

  20. Gautatyr

    Gautatyr Neues Mitglied

    Zunächst vielen Dank für die Reaktionen. Das wir hier nicht über eine Demokratie sprechen steht außer Frage, ich interessiere mich aber gerade für die wenigen "demokratischeren" Elemente gegenüber der Zeit zuvor; sozusagen den "demokratischen Mehrwert"

    Lg
     

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