...und Varus wird immer weiter geschlachtet

Es hätte selbst bei harmlos erscheinendem Weg (und Kalkriese sieht ja beängstigend nur durch die Langeweile der sanften Landschaft aus) zu einer Falle werden können, da der Gegner parallel zur Kolonne des Varus von Süden und Westen seine Truppen unerkannt heranbringen konnte.

Die Flucht der Reiterverbände, und letztlich ihr Untergang, wird bei Velleius Paterculus in [42v] mit der Schilderung des Verhaltens des Legaten Vala Numonius beschrieben.

Aber, was hätten die Reiter schon in diesem Gelände bewirken können? Da waren sie genau so nützlich wie ein Panzer im Baggersee.

Auch im Gelände knapp südöstlich oder südlich des Kalkrieser Berges sind langgestreckte Bergrücken, die eine Flucht, geschweige denn eine Entfaltung der Reiterverbände von vornherein vereitelten. Und wären sie vorher schon abgeteilt worden, zur seitlichen Sicherung, hätten sie Varus in diesem Gelände auch nicht mehr zur Hilfe kommen können.

Bei Deinen Beiträgen habe ich oft den Eindruck, als ob Du die Schlacht in einem einheitlichen Gelände oder gar ausschließlich am Kalkrieser Berg verorten würdest. Nach Dios Beschreibung zog sich die Schlacht über vier Tage hin, während derer sich das römische Heer auf dem Marsch befand und mal in bewaldetem Gebiet, mal in freiem Gelände unterwegs war.
 
Da hast Du vollkommen recht. Ich betrachte den topographischen Flaschenhals Kalkriese, oder die westlich davon sich anschließenden Freiflächen, als den vermutlichen Endpunkt der Schlacht.

Aber ich glaube nicht, dass die Lager weit auseinander lagen (Gruß an @Divico): Durch den Angriff an diesem Nadelöhr war kein Durchkommen, konnte keine Strecke mehr zurückgelegt werden. Der Heerzug wird sich hier verdichtet und gestaucht haben, und aufgrund der räumlichen Beengtheit dies mit fehlender oder ungünstiger Aufstellungsmöglichkeit für die Angegriffenen.

Zugleich werden die Angriffe auf die Flanken und auf den nachfolgenden Teil des Heerzugs immer stärker geworden sein: Jeder feindliche Speer trifft, die Verluste nehmen zu, kein Vorwärtskommen, zugleich strömen beutegierige und siegestrunkene Angreifer aus dem Umland nach.

Mit dem ersten Angriff auf die Spitze des Heerzugs stellt sich für uns die Frage: Wer baute jetzt die Marschlager? Die zum Stillstand gekommene Spitze des Zuges, der Tross, die nächst folgende geschlossene Legion? Welchen Überlegungen folgte jetzt der Bau der Lager?

Ich glaube, oder halte für möglich, dass der nachfolgende Teil des Zuges einen Ausbruch nach Süden oder Südwesten versucht hat, aber nicht zur gewohnten Kampfaufstellung kam, sich in Einzelkämpfen in hoher Unterzahl und damit in hohen Verlusten verlor.

Und natürlich glaube ich nicht, dass der Heerzug im dichterisch dichten Wald erfolgte. Eher im lichten.
 
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Die Angreifer waren punktuell überlegen, einfach weil ein seitliches Ausweichen und eine breitere Aufstellung für die Angegriffenen nicht möglich war.

Ich habe das schon einmal geschildert: Unweit meines Heimatortes gibt es ein Naturschutzgebiet, das seit dem 2. Weltkrieg NSG ist, von 1,5 km Länge und 250 m Breite, auf einer Hochebene in ca. 430 m Höhe. Der Forstweg ist breit, aber das Waldgebiet ist sehr licht, feucht mit Staunässe, nass mit tiefen Baumtrichtern, abgestorbenen Bäumen. In diesem Gelände bist Du schon durch den Boden, die Wasserlöcher, die erforderliche Vorsicht und durch den Zickzacklauf zwischen den Bäumen nach wenigen Metern erschöpft. Da kommt kein Fuhrwerk durch, kein Pferd. Stelle Dir hier einen römischen Trupp vor: Er ist verloren. Und das vielleicht nur weil der zunächst gangbar erscheinende Weg versperrt ist.
 
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Mit dem ersten Angriff auf die Spitze des Heerzugs stellt sich für uns die Frage: Wer baute jetzt die Marschlager? Die zum Stillstand gekommene Spitze des Zuges, der Tross, die nächst folgende geschlossene Legion?

Am Endpunkt der Schlacht stellt sich die Frage nicht mehr.

Und zu Beginn werden sich die Angriffe vor allem auf die Nachhut konzentriert haben. (Während die Spitze automatisch Verstärkung erhält, ist das bei der Nachhut nicht der Fall.) So beschreibt es Tacitus beim Angriff auf Germanicus anno 14: Den Römern gelang es, die Situation in den Griff zu bekommen, indem ein Teil des Heeres kehrt machte, der Nachhut zur Hilfe kam und die Angreifer rückwärts zum Wald hinausdrängte, während der vordere Teil mit dem Tross weitermarschierte und, sobald man freies Gelände erreichte, ein Lager aufschlug.
 
In diesem Gelände bist Du schon durch den Boden, die Wasserlöcher, die erforderliche Vorsicht und durch den Zickzacklauf zwischen den Bäumen nach wenigen Metern erschöpft. Da kommt kein Fuhrwerk durch, kein Pferd. Stelle Dir hier einen römischen Trupp vor: Er ist verloren. Und das vielleicht nur weil der zunächst gangbar erscheinende Weg versperrt ist.

Daher wird ja an allen Ecken und Enden geschildert, wie ein Vortrupp den Wald lichtete. Bäumefällen gehörte zur Routine; eine Szene ist auf der Trajanssäule zu sehen:

1758748311687.png


Auch das Varusheer ist nicht blindlings in den Wald gestolpert, wenn wir uns an Dio halten:

"... so daß die Römer auch schon vor dem Angriff der Feinde Mühe hatten, Bäume zu fällen, Wege zu bahnen und Brücken zu bauen, wie es erforderlich war."

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe hat eine sehr schöne und übersichtlich gestaltete Auflistung und Gegenüberstellung der diesbezüglichen Texte, mit Übersetzung, von Velleius Paterculus, Florus, Tacitus und Cassius Dio:

 
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Bei Deinen Beiträgen habe ich oft den Eindruck, als ob Du die Schlacht in einem einheitlichen Gelände oder gar ausschließlich am Kalkrieser Berg verorten würdest. Nach Dios Beschreibung zog sich die Schlacht über vier Tage hin, während derer sich das römische Heer auf dem Marsch befand und mal in bewaldetem Gebiet, mal in freiem Gelände unterwegs war.
Da ergibt sich jetzt archäologisch ein Problem, wenn man den Text Eine eisenzeitliche Siedlung in Venne:
Leben am Rande eines großen historischen Ereignisses
von Rappe, Burmeister und Friedrichs (Varuskurier 25) liest: Demzufolge haben die Römer friedlich neben der Siedlung in Venne gelagert. Das passt nicht zu vier Tagen Varusschlacht mit Kalkriese als Endpunkt:

Art und Zusammensetzung der römischen Funde bestärken das Bild, das Achim Rost und Susanne Wilbers-Rost in ihrem Forschungsprojekt zu der Kalkrieser Konfliktlandschaft entworfen haben (Rost u. Wilbers-Rost 2016; 2018). Sie hatten seinerzeit die bis dahin bekannten germanischen Siedlungen untersucht und festgestellt, dass sich das römische Fundmaterial der östlich des Kalkrieser Schlachtfeldes auf dem Oberesch gelegenen Siedlungen deutlich von jenen der westlich gelegenen unterschied.​
Die römischen Funde im Osten, im Raum Venne/Ostercappeln, zeigen nicht die Zerstörungs- und Plünderungsspuren der Funde in den westlich gelegenen Siedlungen, wie z. B. beim heutigen Hof Dröge, Kalkriese. Die Funde aus der jetzigen Grabungskampagne deuten ebenfalls nicht auf Kämpfe hin; es handelt sich um Funde von Objekten, die römische Soldaten am Körper getragen haben, wie z. B. Fibeln, Beschläge des Hängeschurzes etc., und die als Verlustfunde gedeutet werden können. Römische Truppen sind bei ihrem Marsch Richtung Kalkriese vonOsten kommend auch in der germanischen Siedlung in Venne gewesen. Die Masse der römischen Funde kam hierbei allerdings nicht aus der germanischen Siedlung, sondern aus dem unmittelbaren Umfeld. Es waren also nicht die Dorfbewohner, die römische Objekte eingetauscht oder auf andere Weise an sich genommen haben; möglicherweise haben römische Truppenteile in direkter Nachbarschaft zu den germanischen Gehöften gelagert, bevor sie weiter nach Westen Richtung Kalkriese zogen.​
Erst auf dem heutigen Oberesch kam es zu den historisch überlieferten Kämpfen, die sich dann bis in den Raum Engter erstreckten und die dortigen Siedlungen in das Kampfgeschehen einbezogen.​
Ich weiß noch nicht ganz, wie ich diesen Sachverhalt einschätzen soll.
 
Von Ostercappeln-Venne bis Engter sind es etwa 8,5 km zu Fuß. Dazwischen liegt Kalkriese bzw. der Oberesch.

Es passen dann die Befunde von Venne nicht zu einer Vernichtungsschlacht in und westlich von Kalkriese.

Es könnte aber auch sein, dass die römischen Funde von Venne einige Wochen oder Monate vor der Schlacht in den Boden gelangten.

Es bleibt dann trotzdem, dass es in diesem Fall für die römischen Truppen kein fremdes und unerschlossenes Gelände gewesen wäre.
 
Mir kommen da drei Möglichkeiten in Betracht um die Aussagen des VARUS Kurier zu interpretieren.

Möglichkeit 1:
Kalkriese ist der Beginn des Schlachtgeschehens und diese zieht sich nach Westen / Südwesten bis Engter. Dann ist Varus und seinen Truppen auf rund 7 Kilometer zu Grunde gegangen.
(lässt sich aber mit den literarischen Quellen schlecht in Einklang bringen)

Möglichkeit 2:
Kalkriese ist der Beginn des Schlachtgeschehens und diese zieht sich dann nach Westen / Südwesten bis Engter. Bei Engter haben die Germanen die Römer nicht weiter attackiert. Die Römer wären weitergezogen und irgendwo weiter westlich oder südwestlich von Engter begannen neue Angriffe
(lässt sich mit den literarischen Quellen besser in Einklang bringen)

Möglichkeit 3:
Die Römer wurden schon irgendwo weiter östlich oder südöstlich von Kalkriese erstmals von den Germanen angegriffen. Dann kam es zu einer Kampfpause. Und bei Kalkriese nahmen dann die Germanen ihre Angriffe wieder auf.

Bei Variante 3a wären dann bei Engter die Römer besiegt
Bei Variante 3b hätten dann die Germanen bei Engter ihre Angriffe erstmals eingestellt um diese dann irgendwo weiter westlich oder südwestlich von Engter wieder aufzunehmen

Nach Rost / Wilbers-Rost soll das Varus-Heer in seiner Masse bei Kalkriese untergegangen sein. Demnach wäre Variante 3a mein Favorit.
 
Es könnte aber auch sein, dass die römischen Funde von Venne einige Wochen oder Monate vor der Schlacht in den Boden gelangten.
Das ist ein interessanter Gedanke.

Als ich schrieb, dass ich noch nicht wisse, was ich von dem Text von Burmeister/Friedrichs/Rappe zu halten habe: Die Funde sind ja noch nicht wirklich wissenschaftlich publiziert, das ist jetzt erst mal ein an ein gebildetes, archäologisch interessiertes Laienpublikum gerichteter Text. Ich gehe schon davon aus, dass die Autoren meinen, was sie schreiben und gute Gründe dafür haben. Für mich als archäologischen Laien stellt sich aber die Frage, wie die Autoren Verlustfunde von einem friedlichen Lager neben einem Germanendorf von Verlustfunden wärhend einer Schlacht unnterscheiden. In Kalkriese hat man viele Funde gemacht von Dingen, die offensichtlich zusammengetragen und zerstört wurden (wobei der Grund für die Zerstörung durchaus in der besseren Transportabilität gelegen haben kann. Kann es nicht einfach sein, dass die in Venne archäologisch wiederentdeckten Verlustfunde einfach von einem Teil des Schlachtfeldes kam, der nur unzureichend abgesucht wurde, wo eben nicht Artefakte von den siegreichen Germanen zusammengetragen wurden, wie es am Oberesch mutmaßlich der Fall war?
Man kann mich nantürlich nun zu recht des Versuchs bezichtigen, die mehrtägige Marschschlacht mit den Funden von Venne zu harmonisieren zu versuchen.

Es bleibt dann trotzdem, dass es in diesem Fall für die römischen Truppen kein fremdes und unerschlossenes Gelände gewesen wäre.
Wie gesagt, wir müssen immer mit Dramatisierungen rechnen; dass das Gelände gänzlich unbekannt war

Möglichkeit 1:
Kalkriese ist der Beginn des Schlachtgeschehens und diese zieht sich nach Westen / Südwesten bis Engter. Dann ist Varus und seinen Truppen auf rund 7 Kilometer zu Grunde gegangen.
(lässt sich aber mit den literarischen Quellen schlecht in Einklang bringen)

Möglichkeit 2:
Kalkriese ist der Beginn des Schlachtgeschehens und diese zieht sich dann nach Westen / Südwesten bis Engter. Bei Engter haben die Germanen die Römer nicht weiter attackiert. Die Römer wären weitergezogen und irgendwo weiter westlich oder südwestlich von Engter begannen neue Angriffe
(lässt sich mit den literarischen Quellen besser in Einklang bringen)

Möglichkeit 3:
Die Römer wurden schon irgendwo weiter östlich oder südöstlich von Kalkriese erstmals von den Germanen angegriffen. Dann kam es zu einer Kampfpause. Und bei Kalkriese nahmen dann die Germanen ihre Angriffe wieder auf.
Deutung 2 finde ich "charmant" (nicht die Tatsache an sich, sondern als Lösungsvorschlag); gegen die Deutung 3 spricht m.E., dass die Römer sicherlich nicht während einer germanischen Angriffspause friedlich neben einem germanischen Dorf gelagert und mit den dort lebenden Germanen freundschaftlich Kaffee getrunken hätten. (Liebe Kinder, Kaffee kannten die Römer natürlich noch nicht.)
 
Mich hinterlässt das alles ratlos und verwirrt. Was ist her Topos der Erzählung, was archäologisch und naturwissenschaftlich gesicherte Realität?

1. Sumpfig und feucht: Während vor dem inneren Auge die Legionen in Sumpflöchern versinken, sich durch einen Urwald schlagen müssen, beschreiben Rost / Wilbers-Rost die Landschaft anders: "Während ein Teil der Kuppe des Kalkrieser Berges (Höhe 157 m üNN) und der Osthang eine Lössdecke aufweisen, wird die nördliche Unterhangzone des Berges, die bei etwa 50 m üNN in die Feuchtsenke übergeht, weitgehend von trockenen Hangsanden bestimmt." Seite 397, Kampfareal von Kalkriese, Armin Rost, 2021
"Die Fundstellen mit Nachweisen einer Besiedlung in den Jahrzehnten um Christi Geburt liegen alle in der Unterhangzone des Kalkrieser Berges (vgl. Abb. 1). Hier sind mit trockenen Sandböden, mit für den Abfuss des Oberfächenwassers günstigen Hangneigungen und mit Quellmulden bzw. vom Kalkrieser Berg nach Norden abfließenden Bächen, welche die Frischwasserversorgung für Mensch und Vieh sicherten, siedlungsgünstige Bedingungen gegeben ; darüber hinaus konnten die nördlich anschließenden Feuchtgebiete für Viehweide genutzt werden, und die höheren Hänge sowie die Bergkuppen dürften mit ihren Eichen-Buchenmischwäldern ergänzende Ressourcen für Waldweide und Bauholzversorgung geliefert haben....Selbst wenn nicht alle Siedlungen gleichzeitig existiert hätten, geben die Plätze zumindest gelichtete Areale mit Wirtschaftsfächen an, die auch für kurz zuvor aufgelassene Siedlungen anzunehmen sind. So belegt der Oberesch, dass am Unterhang des Kalkrieser Berges sogar in Zonen, die möglicherweise nicht im direkten Umfeld einer übergangszeitlichen Siedlung lagen, geöffnete Flächen, beispielsweise aufgrund von Weidenutzung, zu vermuten sind.....Aus den Beobachtungen zur Siedlungsverteilung ergibt sich der Eindruck, dass der Unterhang des Kalkrieser Berges in den Jahrzehnten um Christi Geburt weitgehend durch kleine Siedlungen erschlossen und landwirtschaftlich genutzt worden ist. Der Abstand zwischen den Siedlungen V155 und V110 beträgt etwa 1,2 km, zwischen V110 und V61 knapp 1 km; die Siedlungskammern wären demnach, bei einem angenommenen Durchmesser der Wirtschaftsfächen einer einzelnen Siedlung von lediglich 1 km, fast ineinander übergegangen. Man wird dieses sich im östlichen Bereich abzeichnende Raster wohl auch für die übrigen Abschnitte des siedlungsgünstigen Unterhanges im Verlauf des Engpasses annehmen können" Seite 476-477


Es gab eine Feuchtsenke, hinter der jedoch ein Flugsandrücken verlief. Die Hänge sind genau wie die Feuchtsenken landwirtschaftlich genutzt.
Die Rasensoden, mit denen der Wall (Oberesch) aufgebaut wurde, sprechen auch dafür. Möglicherweise wurden Bäche in Senken umgeleitet oder aufgestaut, um einen Effekt zu haben. So ganz erschließt sich mir topographisch und hydrographisch nicht, was hier erfahrene Legionen mit ihrer eingeübten Pionierkompetenz aufhalten soll. Und die dichten Wälder? Buchen-Eichenmischwälder auf den Hügelkuppen (ich weigere mich das einen Berg zu nennen)!

2.Engpass:
"Das etwa 400 × 100 m umfassende Areal am Unterhang des Kalkrieser Berges liegt an der engsten Stelle des topographischen Nadelöhrs zwischen dem Berg im Süden und dem knapp 1,5 km nördlich angrenzenden Großen Moor. Die ca. 12 000 m² , die hier bis 2017 durch Ausgrabungen untersucht wurden, erlauben Rückschlüsse auf Bauweise und Verlauf der vermutlich von Germanen als Hinterhalt gegen das vorbeiziehende römische Heer angelegten Wallanlage."(S.399)


Ich bin entsetzt: ein 1,5 km breiter Landstreifen wird als "Nadelöhr" bezeichnet, an dem sich die Legionen nicht entfalten konnten?
Dazu wäre ein Angriff mit leichten Kohorten auf den "Berg" möglich, die Steilkolonnen, hatten nach den Beschreibungen freie Flächen und trockene Hangsande um schnell vorzudringen. Der Hügel ist gerade 158 m hoch, von der Feuchtsenke aus 100 Höhenmeter!
Das ist keine Schlucht und kein Bergpass, die Topographie ist meiner Ansicht nach nichts, mit der drei römische Legionen normalerweise nicht fertig geworden wären. Behaupte ich jetzt einmal "frech".

Screenshot 2025-09-25 at 12-05-41 (99) Kampfareal von Kalkriese.png
 
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Mich hinterlässt das alles ratlos und verwirrt. Was ist her Topos der Erzählung, was archäologisch und naturwissenschaftlich gesicherte Realität?


Ich bin entsetzt: ein 1,5 km breiter Landstreifen wird als "Nadelöhr" bezeichnet, an dem sich die Legionen nicht entfalten konnten?
Dazu wäre ein Angriff mit leichten Kohorten auf den "Berg" möglich, die Steilkolonnen, hatten nach den Beschreibungen freie Flächen und trockene Hangsande um schnell vorzudringen. Der Hügel ist gerade 158 m hoch, von der Feuchtsenke aus 100 Höhenmeter!
Das ist keine Schlucht und kein Bergpass, die Topographie ist meiner Ansicht nach nichts, mit der drei römische Legionen normalerweise nicht fertig geworden wären. Behaupte ich jetzt einmal "frech".
Verabschiede dich als erstes von dem Hinterhalt und verfolge besser die Hypothese des Verrats. Das lässt sich besser mit den archäologischen Funden überein bringen.
 
@pardela...anfangs die Ausbruchsversuche nach Süden oder Südwesten habe ich auch mal erwähnt, findet sich aber nichts in den Quellen;anfangs könnte östlich von Kalkriese gewesen sein...war das nicht bisher Konsens?Und Engter als eingebundener Landschaftsteil ist mir vollständig neu(aber interessant)
 
Endlich eine reale Beschreibung der Örtlichkeit vor Ort! Kein Waldgebirge und keine
undurchdringlichen Fichtenwälder.
 
Unabhängig von allem Spott, ist für mich und für uns die Erklärung, archäologische Erschließung dieser Siedlungsräume wichtig.

Es ist dier Siedlungsraum an der mittleren Lahn mit Waldgirmes und Wetzlar, es sind Ubier und Mattiaker, es ist die auch für die Römer tätige Bevölkerung am Hellweg, die Lippe bis nach Paderborn, Ems, Hase (mit einem a, @Mittelalterlager sei Dank!), Hunte und die Werra, wo germanische Gruppen Kontakte mit römischem Militär, und auch mit römischer Kultur hatten.
Und, mit Gruß an @Opteryx und @Hermundure, auch im Saalegebiet.

In den letzten Jahren hat sich das Wissen enorm erweitert, auch dank der besseren Datenverarbeitung und leichterer zugänglicher Literatur.
 
Ich habe dann gestern noch Hermeneutik des Konflikts: Kalkriese als Ort der Varusschlacht von Stefan Burmeister geslesen.
Wahrscheinlich bin ich damit hier 3 Jahre zu spät, ich habe jahrelang eure Diskussionen nicht verfolgt, der Text von Burmeister ist von 2022.
Und Ihr diskutiert fast zwei Jahrzehnte, es werden sich unweigerlich Fragen wiederholen, die schon verhandelt wurden (ich entdeckte gerade eine Diskussion zur Marschleistung von 2009 bei Kalkriese hier im Forum).


Der Text lässt mich mit noch mehr Fragezeichen zurück.

1. Weg ins Unbekannte durch ein "Nadelöhr"? Immerhin reduziert sich im Text die Verkehrsfläche auf zwei trockene Bereiche von nur wenige hundert Meter breiten Sandrücken. Aber auch diese Breite ist für mich kein Engpass, um von Voraussetzungen für ein Defileegefecht zu sprechen.
Die Legionen konnten ohne weiteres in Kolonnen marschieren. Zusätzlich verliefen dort Altwege, nördlich auf dem Flugsandrücken. Es ist für mich kaum vorstellbar, dass dies den römischen Legionen nach zwei Jahrzehnten Okkupationspolitik unbekannt war, besonders weil die West-Ostbewegungen und Verbindungen für die Logistik entscheidend sind. Auch landschaftlich ist der Höhenzug von Norden aus gesehen markant, mag die Hügelkette auch aus Sicht eines Apennin - oder Voralpenbewohners lächerlich erscheinen.

2. Marschlager statt Germanenwall? Er argumentiert dafür, dass in der Engstelle am Nordhang des Kalkrieser Hügels unter Einbeziehung eines Fahrwegs ein Marschlager unbekannter Größe errichtet wurde, und der Rasensodenwall ein Teil der Befestigung des Lagers gewesen ist, dann wäre die These des Hinterhalts am Wall beziehungsweise eines Defileegefechts hinfällig. Er kritisiert: "Die zum Kalkriese-Narrativ gehörenden Aspekte ›Defileegefecht‹, ›Verschrottung‹ und ›Beuteschau‹ sind weniger Ergebnis der Analyse als ihre Richtschnur. Dies wird insbesondere dann deutlich, wenn sich einzelne Fundgruppen nicht in dieses Narrativ einfügen wie zum Beispiel die gefundenen Mahlsteinfragmente und die Glasaugen (Rost 2012, S. 35; S. 40). Etliches muss so unerklärt bleiben, da alternative Deutungen nicht erwogen werden." (ich ahne jetzt ein wenig, was Shinigami meinte, es hätte eine anstrengende Debatte vor zwei Jahren um Mühlsteinfragmente gegeben).

3. Großes Marschlager?: Dann verwirft Burmeister den Einbezug des Walls als südliche Abgrenzung, sondern schlägt als Szenario vor,dass der Wall schon vor dem Lager bestand, und Teil der Begrenzung eines (aufgelassenen) germanischen Gehöfts war, und die eigentliche Südseite des Lagers hangaufwärts gelegen haben könne, d.h. das Lager wäre größer gewesen, als dies im Szenario Wall ist Südseite des Marschlagers ist (140m x 380 m mit Wall als Südseite).
In der Schlussbetrachtung meint Burmeister, dass dieses Lager erstürmt worden sein könnte. Hier könnte Groenegauers Einwurf "Verrat" ein Hinweis sein. Eine klassische Einnahmetaktik für Befestigungen bzw. Städte sind "trojanische Pferde", d.h. heimliche Unterstützer im Inneren einer Stadt, die Wachen überwältigen und Tore für Angreifer öffnen. Theoretisch wäre dies für Arminius und Segimerus leicht möglich gewesen.

Nur warum beschreiben Tacitus und Cassius Dio ein komplett anderes Szenario, das unser Geschichtsbild bis heute prägt? Liegt Florus Beschreibung nachher doch näher an der Realität?

Mich irritiert die Lage des Lagers, warum ist es im Tal direkt am Hang, und warum nicht hügelaufwärts auf einer Kuppe? Das liegt wahrscheinlich jedoch daran, dass ich es ungünstig finde, wenn ein Gegner von "oben" angreifen kann, wahrscheinlich ist die Steigung jedoch so sanft,
dass eine erhöhte Stellung keinen besonderen Vorteil gegenüber Wall und Palisade bekommt - ich kenne die Landschaft einfach nicht.
Diese ahnungslose Sorglosigkeit der Römer kann ich mir nur mit dem von den Historikern beschriebenen gelungenen Täuschungen erklären, dem großen Vertrauen in die cheruskischen Verbündeten und eines scheinbaren Friedens.

Folgt man Burmeister, bleibt von Rost/Wilbers-Rost Schlachtsezenario nur das Leichenfleddern römischer Legionäre nach der Schlacht übrig.
Dann erscheint mir die Debatte doch wieder auf "Null" zu stehen, beziehungsweise auf 2.0, wie Burmeister schreibt:
"Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es hinreichende Anhaltspunkte gibt,das bisherige Kalkriese-›Narrativ‹ neu zu formulieren – zumindest gibt es, und das sollte dieser Beitrag vermitteln, großen Diskussionsbedarf."
 
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